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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 132

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
132 (sequence 3)
Language
German
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Michael Weichert: din war es nicht darum zu tun, die tieferen Ursachen des moralischen Verfalls aufzudecken. Ein dramatischer Dichter würde in dem Zwiespalt zwischen der unerbittlichen Notwendigkeit der Lebenserscheinungen (des Zeitgeistes) und der kühnen Auflehnung des Einzelnen, der Familie, der Gemeinschaft, tragische Größe verspüren. Der Verfechter einer bürgerlichen Moral will nur aufklären, belehren, bessern; er will die Schäden aufzeigen, bloßlegen, analysieren, sezieren. Auch der „konsequente Naturalismus" der neunziger Jahre liebte dies Verfahren. Aber nur, um die Determiniertheit, die Unfreiheit des Willens, die Ohnmacht des Menschengeschlechts darzutun. Der Jünger der Haskalah dagegen sagt: Sehet her, das sind die Folgen der angefaulten Familienmoral; nur ein wenig guter Wille, Nachsicht, Verständnis, tätige Hilfe ist nötig — auf daß alles gut und gottgefällig werde. Und er hatte recht. Was er da vorführt, sind nicht tragische Konflikte, die mit zwingender Notwendigkeit aus determinierten und dennoch freiheitssehnsüchtigen Charakteren emporwachsen. Es sind traurige, durchaus bemitleidenswerte Fälle, aus Leichtsinn, Irrtum, Versehen, Unkenntnis entstanden, die hie und da zu einem unvermuteten, unglücklichen Ausgang führen, der aber bei einem Schuß guten Willens hätte vermieden werden können. Das Laster ist nicht ein unheilbarer Charakterzug (wie bei Shakespeare), sondern — ähnlich wie im bürgerlichen Drama der europäischen Aufklärungsepoche — ein heilbarer Mangel an intellektueller Einsicht. Aber im Gegensatz zu dieser dramatischen Gattung nicht ein allgemeiner Mangel, der sich bald in diesem, bald in jenem Vergehen äußert, sondern ein spezielles, immer wiederkehrendes Vergehen gegen die Familienehre, das in der Stellung des Einzelnen zur Familie zum Ausdruck kommt: je loser die inneren Bande, die ihn an die Familie knüpfen, je weniger Halt sie ihm bietet, desto tiefer sinkt er. Durch dieses moralische Erfassen der Probleme wird die Stellung des Autors zu seinen Personen bestimmt. Er begibt sich bewußt jenes Mindestmaßes an dichterischer Objektivität, die dem dramatischen Dichter die nötige Distanz zu seinen Gestalten schafft: er ist nicht über den Parteien stehender Richter, nicht ruhiger Kampfordner. Er ergreift Partei, ist Ankläger und Verteidiger. Wenn uns auch aus den aufgerollten Familienbildern nirgends die spezifische Atmosphäre revolutionärer Gesellschaftskritik eines Ibsen oder Hauptmann entgegenweht, so klingt doch der Anklageton des Autors heftig mit, mehr polternd als dröhnend, und findet in den bereits erwähnten, über die Rampe hingeschleuderten kurzen oder längeren Tiraden einen gemeinplätzlichen Niederschlag (ein gefallenes Mädchen in ,, Der wilde Mensch" läßt gar einen Kameliendamenmonolog vom Stapel). Und es war kein schlechter Gedanke eines Herausgebers eines galizischen Volkskalenders, zu Ehren des Autors alle die „schönen Stellen", die klugen Sentenzen, die Gordin seinen Personen in den Mund gelegt hat, aneinander zu reihen. (Ich verdächtige übrigens den guten Mann, daß er diese Zusammenstellung einer amerikanischen Quelle nachgedruckt hat.) Mit Schwere und Wichtigkeit werden die Alltagsnöte vor dem Auge des Zuschauers, an den der Autor immer denkt, bereitet, mit tiefem Ernst abgehandelt. Aber auch für die Not der Zeit hat der Aufklärer auf der Bühne ein Ohr. Die sozialen Gegensätze sind in das Gemeinempfinden der amerikanischen eingewanderten Judenschaft gedrungen und waren geeignet, den befruchtenden Boden für die dramatischen Kämpfe abzugeben. Wie ein entferntes Echo spielen soziale Fragen herein, aber es fehlt ihnen an Stärkegrad und Ein-

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