Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 131 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Gordin und das jüdische Theater ist erst mit dem Ausscheiden aus der Familie vollzogen. In ihr kommen die höchsten sittlichen Kräfte: Mut, Hingabe, Selbstverleugnung, Opfersinn zur Geltung. Vor ihrem Forum, gleichsam vor dem Kollektivgewissen der Familie kommen alle Kämpfe zum blutigen oder versöhnlichen Austrag. Daher die ganz überwältigende Bedeutung der Familienmoral. An der Familienmoral versündigen sich die Gordinschen „Helden". Lillo mußte im V. Akt seines „Kaufmann von London" im Hintergrund den Galgen als Symbol der gestörten und sich nun rächenden gesellschaftlichen Ordnung aufrichten; bei Gordin genügt das Einrenken der Familienmoral, die Wiederherstellung der zerrütteten Familienordnung. Solange die Familie in starrer Verkrustung verharrt, ist ihre dramatische Ausbeute gering. Solange es innerhalb der Familie keine Gegensätze*) gab, konnte es keinen Kampf geben. Diese unbedingte Voraussetzung jeder dramatisch-theatralischen Wirkung fehlte. Es ist ein unleugbares Verdienst der Haskalah, in die einheitliche Welt der Familie die erste Bresche gelegt zu haben. Von ihr gingen unsichtbare Wellen aus, die immer weitere Kreise zogen; sie hat in die Familien der entlegensten Siedlungen die Kampfesstimmung getragen, den Gegensatz zwischen Vätern und Söhnen geschaffen und verschärft. Mit der äußeren Zivilisation, der die Aufklärung die Wege bahnte, brach die Sittenverderbnis heran. Unbarmherzig riß sie die Dämme ein, die eine vorsorgliche Gesetzgebung in unzähligen schriftlichen Verboten und jahrtausendlanger mündlicher Überlieferung aufgetragen hatte. So überwältigend war die Wucht des toten Buchstabens, daß sich ihm — obwohl jede zwangsläufige Sanktion fehlte — Geschlecht um Geschlecht beugte. Aber der mäkelnde Unglaube der rationalistischen Epoche fegte all die Hemmungen weg, die dazu bestimmt waren, den Sinnestrieb, die Sinneslust einzudämmen. Der lange zurückgedrängte „böse Trieb"**) erwachte mit ungeahnter Kraft. Die Familienehre ist bedroht, der Familienbestand gefährdet. Hier erwächst ein dramatisches Problem von überzeugender Kraft. Noch sind es keine ethischen Probleme. Noch wagt man nicht an den Grundfesten der altehrwürdigen Überlieferungen (Ehe, Familie) zu rütteln, an die Stelle alter Götter neue zu setzen. Äußerlich hat die Kirche ihren Einfluß eingebüßt, aber unsichtbar lebt die Macht der religiös-gesellschaftlichen Einrichtungen fort. Das unbeugsame Festhalten der älteren Generation an der Überlieferung innerhalb der Familie konnte eine tragische Atmosphäre — im Hebbelschen Sinne — den düsteren Hintergrund für tragische Konflikte abgeben. Aber Gor- *) Auf die scharfe Herausarbeitung der Gegensätze war Gordin immer bedacht. Noch in „Gebrüder Luria" ist es ein rein äußerlicher Gegensatz, der Streit um die Erbschaft, nur dürftig durch das aristokratische Gebahren des einen, durch das Pöbeln des anderen Bruders verdeckt. Aber schon in der „Waise" kommt ein Mädchen, das auf dem Lande unter Bauern erzogen, in das verderbte städtische Haus der reichen Verwandten. Ihr natürliches, ungeschminktes Empfinden auch den heikelsten Gegenständen gegenüber (sexuelle Frage) sticht wohlwollend von der verkommenen Art der Städter, diese Dinge verlogen, scheinheilig und lüstern zu behandeln, ab. Hier prallen zwei Welten aneinander. Hier ist ein Konflikt von vorneherein gegeben. Aber Gordin gebricht es an Kraft, ihn dramatisch zu gestalten. Was daraus geworden ist, ist eine sentimentale Familiengeschichte mit der Moral": Nie sollst du dich von einem Manne betören lassen. Der erste Akt mit seiner gelungenen Exposition, aus der sich die Charaktere mühelos in einigen Strichen ergeben, mit dem flotten Gang der Handlung bleibt ein Meisterstück theatralischer Technik. **) Man beachte die doppelte Bedeutung des Begriffs „jezer höre" im Jüdischen: „böser Trieb" im allgemeinen und „Sinnesgier". Heft 3« io