Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Hochzeiten in Jerusalem
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 129 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101141-3103328--2423-3103375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hochzeiten in Jerusalem 129 einen Augenblick verkrampft stehen, bis sie wieder in ihre Gestalt wuchsen und zu den Divanen hintaumelten: Pause. Die Nacht war weit vorgeschritten, wir dachten ans Gehen. Wir versprachen aber, am nächsten oder am übernächsten Tage wieder zu kommen. (Drei Tage dauert die Feier). Dann erhoben wir uns und gingen, nachdem wir uns von jedem der Festgäste verabschiedet hatten. Mit vielem Schalöm und Thitraot brachte uns der Gastgeber zur Straße. Am Heimwege sprachen wir von den Sitten und Gebräuchen der Jemeniten, und es wurde die Frage aufgeworfen, ob diese Gebräuche altjüdisch oder dem arabischen Einflüsse zuzuschreiben seien. Ich neigte dem ersten zu und wurde durch Professor Schatz darin bestärkt, mit dem ich am nächsten Tage darüber sprach. Er pflichtete mir bei und versprach, mir bald den Beweis für diese Ansicht zu liefern. Wenige Tage später ließ er mir sagen, ich möge mir den Abend für eine chassidische Hochzeit frei halten. Zur festgesetzten Stunde war ich beim Professor. Da wir aber durch verschiedenes aufgehalten wurden, wurde es ziemlich spät, ehe wir uns auf den Weg machen konnten. Nicht weit hinter dem Bezalel, in einem neuen aschkenasischen Viertel, hörten wir Gesang aus einem Hause. Wir traten ein, wurden von Frauen, die in einem Vorraum saßen, freundlich begrüßt und in ein Nebenzimmer gewiesen. Dichtgedrängt standen, saßen und lagen aufjKasten, Tischen, Bänken und auf dem Boden etwa fünfzig Chassidim, die einen Kreis in der Mitte des Zimmers frei ließen, der von einer Reihe nach orientalischer Art sitzenden Chassidim begrenzt wurde. Trotz der Hitze — es war Chamsin — trugen sie alle die schweren, buntfarbigen Atlasüberkleider. In der Mitte des Kreises (uns waren dicht an seiner Peripherie Stühle geräumt worden), standen zwei alte Männer, entledigt der Pelzmütze und des Oberkleides, im langen Hemde, das ein Gürteltuch zusammenhält, und hielten einen komischen Zwiegesang, dessen Gegenstand natürlich die Feier war. Der Gesang, mit vielen Körperverrenkungen und Gebärden geführt, wandelte sich allmählich zur Pantomime, bis ohne merklichen Übergang die Bewegungen eifriger und lebhafter wurden, und als miteinem die Männer des Kreises zu summen begannen, immer lauter zu summen, um endlich zu singen, war aus der Pantomime Tanz geworden. Ein Tanz, zu dem der Gesang mit teils jiddischen, teils hebräischen Texten den Takt gab, den, ganz wie bei den Jemeniten, Händeklatschen und rhythmische Bewegungen des Oberkörpers markierten. Die Ähnlichkeit der Tänze hier und dort war auffallend. Auch hier das allmähliche Anwachsen der Schnelligkeit des Taktes und der Intensität der Gebärden und Verrenkungen bis zur Ekstase, wie sie allen orientalischen (innerlich konzentrierten) Völkern eigen ist, wie sie den heulenden Riffayas und den Fakiren eigen ist. Auch hier die immer intensiver werdende Monotonie und Einfachheit des Gesanges (auch hier in Moll), an die sich das jüdische Ohr — es muß dies im Blute liegen — leicht und schnell gewöhnt, selbst wenn es aus Europa kommt. Die ganze Versammlung sang mit. Männer, die sonst ernst und gedrückt durch die Straßen schleichen, tausendjähriges Galut in sich und den maßlosen Hunger der Kriegszeit, wurden wieder primitiv freudig, kindlich und natürlich und gaben sich der Fröhlichkeit so hin, daß kein Fremder in diesen tanzenden und singenden Halborientalen die scheuen, gezeichneten polnischen Juden wiedererkannt hätte.