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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 128

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Hochzeiten in Jerusalem
Date
1918-01-01
Page
128 (sequence 2)
Language
German
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128 Eugen Hoeflich: die Fruchtberge und formte auf jedem Tuche einen Hügel. Dann wurden Gargirim herumgereicht, das sind gebrannte Fruchtkerne von etwa zwanzig verschiedenen Arten, die im Orient überall gerne gegessen werden. Selbstverständlich begann keiner zu essen, ehe er den Segensspruch gesprochen hatte, und keiner trank von dem schweren süßen Rischonweine, ehe er ihn gesegnet hatte. So schön das alles bis nun war, einen so unschönen Eindruck bot das Folgende. Der Hausherr brachte eine große Flasche und ging von Gast zu Gast, jedem drei oder vier Gläser vollschenkend, die gierig getrunken wurden. An dem scharfen Gerüche erkannte ich, daß es Raki, schwerster Branntwein, war. Der Arzt sagte mir, daß dieser Rakigenuß das größte Unglück dieser Menschen sei, der sie widerstandslos mache und sie der Tuberkulose in die Arme treibe, an der eine große Anzahl von ihnen zugrunde geht. (Einem Gesundheitsamte, das nach dem Kriege sicherlich dem Palästinaamte angegliedert werden wird, wird es ernste Sorge sein müssen, diesem Laster entgegenzuarbeiten.) Nun kam der interessanteste Teil des Festes: Tanz und Gesänge. Die Chachamim holten Bücher hervor, alte Liederbücher, in hebräischer Sprache geschrieben, „für frohe Gelegenheiten*', die, aus Jemen mitgebracht, dort, solange man denken konnte, in Gebrauch waren bei solchen Anlässen. In der Türe ließ sich ein Mann mit einer kleinen Handpauke nieder, und augenblicklich begann der Gesang. Es waren monotone orientalische Melodien, in Molltonart gesungen, wie alle orientalischen Lieder und mit nasalen Tönen. Die Oberkörper der Singenden bewegten sich nach dem Takte, den die Pauke und das Händeklatschen der Sänger gab. Der ursprünglich langsame Rhythmus wurde immer schneller und wilder, bis mit einem Male zwei Tänzer in der Mitte des Zimmers standen und einen seltsamen Tanz vollführten, der einen erzählenden Inhalt haben mußte. Gehen, Schleichen, Springen, unerhört elastische Körperwendungen, Mienenspiel, bald Tanz, bald Pantomime, immer wilder, bis zur völligen Erschöpfung der Tänzer, die sofort durch ein neues Tänzerpaar abgelöst wurden, und immerfort die monotone Pauke und das Händeklatschen zum Gesang. Es war mir aufgefallen, daß ich keine Frau, ja nicht einmal die Braut im Zimmer gesehen hatte. Die Frau des Arztes, die ich nach der Ursache fragte, führte mich in ein anderes Zimmer: das gleiche Schauspiel. Gesang und Tanz. Kein Mann aber, nur Frauen und auf einem etwas erhöhten Platze, einem Bette anscheinend, die Braut; fünfzehnjährig etwa, schon mit dem Stirnband der Verheirateten, durch unsern Eintritt verschüchtert, bald aber stolz auf die neue Würde: Mittelpunkt einer Menge bewundernder Frauen, die von Zeit zu Zeit prüfend das langwallende Seidenkleid der Braut betasten, das in seiner Ungehemmtheit, wie jedes orientalische Kleid, die Bewegungen einfacher, natürlicher und graziöser macht ... Wir sahen eine Zeit lang dem Tanz der Frauen zu, der ähnlich ist dem der Männer, dann boten wir ihnen Zigaretten und gingen zurück in das Zimmer der Männer. Ungeheuer wild, ekstatisch, waren die Bewegungen der Singenden (auch der Blinde hielt den Takt), und die Tänzer drehten sich im wahnsinnigen Rhythmus. Von der Pauke schien ein hypnotisierender Einfluß auszugehen. Selbst die fremden Gäste blickten nicht mehr interessiert auf das Schauspiel, sondern starr, wie Menschen blicken, auf die etwas in solchem Maße wirkt, daß sie sich mit ihm bald eins fühlen werden. Die Oberkörper der beiden Offiziere begannen schon den Takt zu markieren. Da brach miteinem mit großer Gewalt das Lied ab, die Tanzenden blieben

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