Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Hochzeiten in Jerusalem
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 130 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Michael Weichert: Man mag über die Berechtigung dieser Chalukajuden in Palästina denken, wie man will. Man mag sie leugnen mit den billigen Schlagworten von Nichtstun, Schmutz und Trägheit, oder man mag sie fordern mit der Begründung, daß ihre kontinuierliche Beschäftigung mit den Dingen der Religion das Judentum stärker und tiefer bindet, es als solches erhält und erhielt, sicherer als ein Nationalbewußtsein, das unter dem Zeichen einer bequemen Lässigkeit oder Gegnerschaft in religiösen Dingen steht. Man mag als Westjude die Jemeniten im Bewußtsein seines ausgeliehenen Europäertums für rückständig halten oder man mag sie richtig als ein für Land und Volk, für Arbeit und für Blutmischung wertvolles Element werten. Man denke über diese beiden Zweige unsres Stammes, wie man will; man muß aber einig sein in der Forderung, das alles getan werden muß, diese alten, sicherlich orientalisch-jüdischen Sitten zu erhalten, sie zu schützen vor dem nivellierenden Einfluß Europas. Man schütze sie vor den übermächtigen Kulturen Europas, sie, die alten Sitten und Gebräuche, denn wir wollen nicht nur in der Sprache selbständig sein im neuen Land, sondern in allen unsern Lebensäußerungen. Wien Eugen Hoeflich JAKOB GORDIN UND DAS JÜDISCHE THEATER (Fortsetzung) Die Träne des aufrichtigen Mitleids konnte nur jener enge Kreis der Alltagsleiden hervorlocken, die der Zuschauer aus eigener, unmittelbarer Erfahrung kannte. Diese Erfahrung reichte nicht weit, aber auf einem Gebiet schien sie ganz heimisch zu sein: auf dem der Familie. Die bürgerliche, oder richtiger kleinbürgerliche Familie war ausersehen, die Nachfolge des staatenlenkenden königlichen Hofes auf den Brettern anzutreten. Die politische und wirtschaftliche Lage des Ostjudentums, seine historische Entwicklung hat eine ganz besondere Stellung der Familie innerhalb des gesellschaftlichen Körpers gezeitigt. Sie ist nicht eine nach dem Gesetz der geschlechtlichen Zuchtwahl eingegangene Verbindung, sondern eine aus außerpersönlichen Rücksichten geschlossene Kampfgemeinschaft, die in Stürmen des Lebens die Bande zwischen den sich zu Beginn fremd gegenüberstehenden Personen immer enger schmiedet. Sie ist nicht Keimzelle einer höheren Ordnung: des Staates; sie bildet eine geschlossene Einheit — wie etwa die altgermanische Sippe —, die sich gegen eine Welt von Feinden zu behaupten hat. Die gesellschaftliche Verbindung zwischen den einzelnen Familien ist ganz lose, erst durch die vollzogene oder beabsichtigte Verschwägerung treten sie zueinander in Beziehungen. So ist die Familie eine nach außen abgeschlossene Welt, ein Mikrokosmos, ein Ausschnitt, der den Ausblick auf die übrige Welt nicht gewährt, sondern verstellt. Mit einem feinen Netz umgarnt sie das Leben des Individuums. Jede Gefühlsregung, jeder Gedankengang hat in ihr seine Quelle, in ihr seine Mündung. Die Qual des ewigen ununterbrochenen Beisammenseins, das peinliche Bewußtsein, daß jede seelische und — körperliche Regung vom anderen belauscht werden kann, gab einem August Strindberg Stoff zu psychologisch tiefbohrenden szenischen Gebilden; dem Ostjuden ist die Familie ein Heiligtum. Sie ist Trägerin der Überlieferung, das Symbol der Gemeinschaft: der Austritt aus dem Judentum