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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 124

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
124 (sequence 4)
Language
German
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124 Samuel Rappaport: Der Briefwechsel unter den neuverschwägerten Familien ist sehr lebhaft. Braut und Mutter schreiben oft (jiddisch) an die Mutter des Bräutigams, Bräutigam und Vater an den Vater der Braut (hebräisch). Nie findet aber ein direkter Briefwechsel zwischen Braut und Bräutigam statt; es würde das schief angesehen werden, bloß in den Briefen an die Eltern lassen sie sich gegenseitig grüßen. In Festtagen und insbesondere zum Purimfeste beschenken die Eltern gegenseitig die Verlobten. Die Braut bekommt Schmuckgegenstände, dagegen der Bräutigam gelehrte Bücher wie Talmud, Schulchan Aruch oder sonstige Werke talmudischen Inhalts. Die Braut schickt mitunter manche selbstgemachte Stickereien ihren zukünftigen Schwiegereltern, rituellen (Seder-Decke u. dgl.) oder profanen Charakters. Mißverständnisse und mancherlei Enttäuschungen veranlassen mitunter, daß Verlobungen gelöst werden. Differenzen verschiedener Natur unter den beiderseitigen Eltern, schlechte Anlagen und Neigungen eines der Verlobten, laue Frömmigkeit oder sonstige negative Momente, in sehr seltenen Fällen auch Verstimmungen materieller Natur, bewirken zuweilen, daß das Bündnis gelöst wird und die Parteien auseinandergehen. „Der Schidduch is ubgegangen", heißt es dann. Doch ist es selten, daß Differenzen materieller Natur wie z. B. wirtschaftlicher Niedergang einer Partei während der Verlobungszeit — eine wegen der Unsicherheit der Verhältnisse der Juden im Osten alltägliche Erscheinung — und Unmöglichkeit, die versprochene Mitgift zu deponieren, die Ursache der Lösung bilden. Am seltensten kann dies bei Chassidim der Fall sein, da der Zaddik, ohne dessen Zustimmung ein so schwerwiegender Schritt nicht getan wird, stets Differenzen materieller Frage gütlich schlichtet und eine Auflösung nicht zuläßt*). Bleibt aber die Auflösung unvermeidlich, dann zahlt gewöhnlich die Partei, die sie verlangt, eine Buße (knas) zugunsten der anderen. Deren Höhe ist traditionell schon im Verlobungsvertrag (Tnaim) bestimmt, nämlich die Hälfte der Mitgift (schuzi nedan knas). Gewöhnlich wird aber diese Norm entweder freiwillig oder durch ein Schiedsgericht beträchtlich gemildert. Nach Erledigung der ,,Knas"frage händigen die Parteien einander die Verlobungsurkunden ein,die Tnaim werden zurückgegeben", worauf sie zerrissen werden zum Zeichen der endgültigen Lösung des Verhältnisses. Hierauf erklären beide Parteien im eigenen Namen wie im Namen der Verlobten, daß sie einander vom gegebenen Worte bzw. Handschlage befreien und daß sie einander vorbehaltlos verziehen haben (mo jchel gewesen). Eine Bedingung, ohne die *) In chassidischen Kreisen erzählt man sich: Zu einem Zaddik kam einmal ein Chassid und klagte ihm unter Tränen, seine Tochter sei verlobt, er solle die versprochene Mitgift nun erlegen, habe aber sein ganzes Vermögen in einem schlechten Geschäft verloren und sei außerstande sein Versprechen zu halten. Niemand wisse von seinem Niedergang, nun schäme er sich, die Lage dem „Mechuten" (Vater des Bräutigams) zu entdecken, und fürchte auch, dieser könnte die Verlobung lösen wollen. Der Zaddik beruhigte ihn, er werde schon den „Mechuten" bewegen, auf die Erlegung der Mitgift nicht zu drängen, nur verlange er von ihm, auch er solle seinerseits vom Mechuten eine Mitgift für sein Kind nicht fordern. Kaum ging der Chassid aus dem Zimmer, als der zweite Mechuten mit derselben Klage vor den Zaddik trat, auch er könne infolge eines plötzlichen Umschwungs seiner Verhältnisse die Mitgift nicht erlegen, seine gegenwärtige Lage sei dem andern Mechuten unbekannt und er fürchte, dieser könnte das Bündnis lösen wollen. Der Zaddik beruhigte auch ihn in derselben Weise und verlangte auch von ihm, er solle von dem Mechuten keine Mitgift verlangen. Hierauf rief er beide ins Zimmer, ohne das anvertraute Geheimnis beider zu verraten, und erklärte ihnen, er wünsche, daß sie beide voneinander keine Mitgift verlangen und daß die Hochzeit ohne großen Aufwand recht bald stattfinden solle, was auch kurz darauf geschah. Erst später erfuhren sie voneinander ihr gegenseitiges Geheimnis und lobten die Weisheit des Zaddiks.

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