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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Zwei Briefe aus dem Felde
Date
1918-01-01
Page
114 (sequence 4)
Language
German
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114 Abraham Schwadron: Parks, mit Terrassen, Blumenkulturen und Wintergarten. Schloß und Park sind vom Kampfe nicht berührt worden: nirgends Spuren eines Geschoßeinschlags, nirgends Zerstörungen am äußeren Gebäude. Aber Menschenhände, auch außerhalb des Kampfes vom Krieg und seinem Geist geleitet, haben in Schloß und Park beschämend gehaust. (Ich wollte sagen: „unmenschlich gehaust", aber ich geriet in Zweifel, ob nicht nach den Erfahrungen dieses Krieges „menschlich1* der richtigere Ausdruck wäre.) Sie haben innen alles zerstört, ohne Notwendigkeit, ohne Sinn und Zweck. Die Tapeten heruntergefetzt, die bleigefaßten Fensterscheiben zertrümmert, die Fußbodentäfelung aufgerissen, die schönen Keller in Latrinen verwandelt, die Turmuhr zerschlagen, große Blumenvasen zu Scherben gebrochen, Bambusstände zerhackt, Kakteen mit den Wurzeln ausgerissen — unsägliche Verwüstung innerhalb intakt gebliebener Mauern! Und auf dem Boden vieler der unzähligen Zimmer liegen durcheinander alte und neue Bücher, Schriften, Manuskripte, Akten und Briefe, letztere alle an einen gerichtet: A Sua Eccellenza Com. Elia Morpurgo, Sottosegretario di Stato per le poste ed i telegrafi (Unterstaatssekretär für Post- und Telegraphenwesen). Ihm also gehört das Schloß, dem Sproß der altberühmten jüdischen Familie Morpurgo. — Wohin man im Feindesland am ersten Pessachtage nichtsahnend kommen kann! Was aber meinen inneren Sinn mehr als alles andere dort gefangen nimmt, ist der Wahlspruch des Schloßherrn. Im Prunksaal erscheint dieser Wahlspruch in kleinen Wappenfeldern an den Wänden rings oben um die aus edlem Holze geschnitzte Deckentäfelung einige dutzendmal wiederholt: Frangar, non flectar. Ich kann gebrochen, aber nicht gebeugt werden. Ist das nicht schön, stark und stolz? . . . Ich steige auf den hohen Aussichtsturm des Schlosses hinauf, und in der klaren Luft Italiens liegt wie eine meilengroße Tafel das weite, weite Land vor mir, mit seinen Dörfern und Schlössern, Feldern und Wiesen, Wein- und Maulbeerkulturen, Buschwäldchen und Teichen, Flußläufen mit Brücken und trockenen Torrenten, und in den braunen Bergen schlängeln sich weiß die scheinbar fadenschmalen Wege. — Wem ist niemals sehnsüchtig-bang geworden, unsäglich und unerklärlich, beim Anblick großer, klarer Weite! . . . Um den Aussichtsturm rankt sich eine eigenartige südliche Schlingpflanze mir unbekannten Namens, deren große, flache Schmetterlingsblüten den Turm wie mit einem weißlichblauen Sammetkleid bedecken, das durchwirkt ist von den sattgrün glänzenden Blättern des Efeus, dessen uralte, mehr als fingerdicke Stränge die hohen Föhren um den Turm wie die Riesenschlange ihre Opfer eng und straff umschlingen. Mit einem werden alle meine Betrachtungen durch die plötzliche Erinnerung verscheucht, daß ich mit Dir genau vor vier Jahren, auch am ersten Pessachtage, von Petach Tikwah aus die Ruine Antipatris besuchte . . . Und ich beginne unwillkürlich Vergleiche zu ziehen zwischen jenem uralten Kastell dort, von der Zeit Herodes' her oder der Kreuzfahrer, und diesem jungen Schlosse da, wohl aus dem späten Barock; zwischen der Umgebung dort, der Küstenebene mit ihren Wadis und Dünen und mit den Bergen Judäas im Osten, und der Ebene des Tagliamento hier, mit den schneebedeckten Ausläufern der Alpen in Ost und Nord; zwischen dem palästinensischen Frühling, der mir gar nicht als Naturerscheinung zu Bewußtsein kam, sondern gleichsam als ein — freilich

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