Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zwei Briefe aus dem Felde
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 113 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Briefe aus dem Felde 113 werden müßte. So gibt es draußen wenig Helden, aber viele, die das vollführen, was selbstverständlich geworden ist. Und manchmal ertappe ich mich beklommen dabei, daß ich mich beinahe glücklich fühle, was selten zu anderen Zeiten der Fall war. Da wiederholt in mir eine Art Gedankenecho mit höhnischem Lachen — wenn man diese Bilder gebrauchen kann — das Bewußtwerden des Gefühls: „beinahe glücklich!" Hier, jetzt glücklich! — Warum glücklich? Was geschah? Nichts als: mein Wille geschah! Daß ich gegen äußere und innere Anfechtungen, wider äußeres Zureden mit klugem Argumentieren und innere zaghafte Risikovorstellungen so tat, wie ich wollte; daß ich über nahe, liebe Gründe ferne, herbe, überpersönliche habe herrschen lassen; die Freiheit, die ich beim Brechen der Widerstände in mir betätigen ließ — wie unglaublich viel kann das einem bedeuten! Und Du kennst meine Schwäche: Alles hat bei mir Bezug auf Juden, auf den Judenmenschen und das Judenvolk. So denke ich immer wieder: Was für ein Glücksgefühl wäre in unserem Volke, wenn es seinen nationalen Willen, seinen Palästinawillen durchsetzte! So ganz ohne Hinblick auf Mission und Menschheitsaufgabe und Geist des . . . oder des . . ., so ganz abgesehen von jedem Um und Damit, sondern rein darum, weil es wollte, und gerade weil es gegen tausend ungeheure Schwierigkeiten, innere und äußere, seine Freiheit erränge, gerade weil es ein unglaublich Gigantisches wäre. Tausend Teufel! Nichts als darum, weil unser Volk wollte, daß sein Wille geschehe! IL Im Felde, 6. April 1918. . . . Am ersten Pessachtage spazierte ich, da wir Juden (noch nicht in der Stellung) dienstfrei hatten, den Berg hinan, der in einiger Entfernung von unserem Standort die große Ebene herum weit überhöht. Es war ein rechter Vorfrühlingstag. Die Sonne leuchtete verhalten und mild, die Lerche sang hoch oben, und eine Amsel pfiff. Tiefdunkle Veilchen, südlich große Schlüsselblumen und winzige Gänseblümchen breiteten sich am grün gesäumten Weg, und der Pfirsichbaum, noch ohne Blätter, stand reich bedeckt von weißroten Blüten. Ein Schmetterling, groß und bunt, flog heran, setzte sich auf eine Blüte, fächelte eine Weile mit den Flügeln und flog weiter.--Es war schön. Doch muß ich Dir sagen, daß ich unsern nördlichen Frühling als schöner empfinde. Diesem italienischen, richtiger oberitalienischen, friaulischen Frühling fehlt eben die reizvolle, jungmädchenhafte Derbheit des Übergangs, die gegensätzlich-hervorhebenden Reminiszenzen an den Winter mit seinem Schnee, seinen Frösten und schneidenden Winden. Auch wirkt hier das neue Frühlingsgrün nicht neu genug in der Nähe des immergrünen Lorbeers, der Zierpalme und der Zypresse. Er ist zu ruhig, der Frühling hier, zu still, nicht nur windstill, nicht nur ohne Anhauch jedweden kühlen Lüftchens, solange die Sonne scheint. Er lacht nicht in rauher Frische, wie in den nördlichen Auen; er ist schon gleichsam abgeklärt, zufrieden. Er hat wenig Andeutung an sich, nur Fertiges; nichts Freskenhaftes, nur Glasmosaikartiges. Er ist fast reif von Geburt an; nur ein lauer, unaufdringlicher Sommer. Und nun bin ich auf der Höhe des Berges. Ein einfaches Schloß steht da inmitten eines nicht prächtigen, aber ersichtlich lange und sorgfältig gepflegten