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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 115

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Zwei Briefe aus dem Felde
Date
1918-01-01
Page
115 (sequence 5)
Language
German
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Zwei Briefe aus dem Felde HS sehr, sehr nahegehendes, lebenverwobenes — Historikum und Psychologikum, und dem oberitalienischen Frühling hier, den ich nur mit den Augen schaue, mit den Ohren höre und mit der Nase rieche, ohne zu den Eindrücken tiefe seelische Beziehungen anzuknüpfen; schließlich zwischen meiner Stimmung und meinen Aussichten jetzt und meiner Stimmung und meinen Vorsätzen und Plänen damals in Palästina, wo mich einige Monate darauf der Krieg überraschte, der mich nun auf dieses Schloß führte, zu dieser Aussicht da und zu meinen jetzigen Aussichten.--Weißt Du noch, daß wir dort, beim Kastell Antipatris — bei diesem Symbol eines Jüdischen, das hier in derGaluth unmöglich ist, eines kriegerisch Jüdischen — ein hitziges Gespräch über die Leitkräfte der jüdischen Zukunft führten, über den in der Seele jedes Kulturtradition besitzenden Volksganzen wohnenden Gegensatz der Strebungen nach Macht und derer nach Selbstvervollkommnung; über den Gegensatz (im Volke und beim Einzelnen) zwischen dem Willen zum Unter-allen-Bedingungen-Leben und dem zum Nur-schön-undgut-Leben?. Und von dieser Erinnerung erregt, rufe ich hoch oben vom Turm den Wahlspruch des Schloßherrn laut vor mich in die Einsamkeit hinaus: Frangar, non flectar! Jetzt aber deute ich in Gedanken den Spruch dahin: Möge ich schon eher gebrochen, nur nicht gebeugt werden! — Und der Gedanke pflanzt sich gleichsam breit vor mich hin: Aber das jüdische Volk hat in den achtzehnhundert Galuthjahren den entgegengesetzten Leitsatz als Weg- und Lebensführer gewählt! . . . Die Agadah sagt: ,,Eine Wohltat hat Gott Israel erwiesen damit, daß er es unter die Völker zerstreute." Und ich weiß, daß sie recht hat; daß, wenn wir noch leben — wie wir nun schon einmal leben —, wir es dieser Zerstreuung zu verdanken haben. Wäre unser Ganzes an einem Punkte geblieben, wir wären gebrochen worden und hätten aufgehört, zu sein. So aber, nirgends ganz faßbar, wurden wir, wurde bald ein Teil von uns hier, bald ein anderer dort gebeugt — wir lebten weiter und leben noch. Und ich wurde mir dort in jener Stunde bewußt, daß das Grundwesen des Zionismus zumindest in seiner lebenspolitischen Seite, das ist: Wir können jene Wohltat der Zerstreuung nicht länger ertragen; wir sind an Kraft zu schwach geworden, um ewige Schwäche zu tragen; wir sind an profanem Willen, an Willen zur Lebensfreude zu stark geworden, als daß wir an einem Leben ohne Freuden noch eine Freude hätten; unser Wille zur Geltung und starken Gesundheit ist zu brünstig in uns erwacht, als daß für uns ein Sein von Wert wäre, in dem der Widerwille gegen den Untergang das einzige ist, das uns vor ihm bewahrt Nicht wollen wir ein Leben leben, dessen vorderster Grundsatz es ist, auf jeden Fall zu leben. Nicht also vornehmlich und unbedingt gegen den Volkstod stemmen wir uns, sondern gegen ein Leben ohne Freiheit, ohne Eigenwillen. So daß wir uns darauf werfen, ein Leben zu erringen, in dem wir die Kraft hätten, uns dagegen aufzubäumen, wenn man uns beugen wollte — selbst wenn durch den Wegfall jener agadischen Wohltat-Sicherung die Gefahr möglich werden sollte, daß wir einmal gebrochen würden . . . O Pessach, Frühling, Freiheit! Und plötzlich ergriff meine Hand den Strang der Turmglocke und läutete wuchtig in die Einsamkeit hinaus, und noch einmal rief ich aus voller Kraft: Frangar, non flectar! Heft 3. 9

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