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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 112

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Zwei Briefe aus dem Felde
Date
1918-01-01
Page
112 (sequence 2)
Language
German
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112 Abraham Schwadron: Jetzt aber wirst Du, wie ich Dich kenne, das Gesicht verziehen, wenn Du das folgende liest: All die vielfache äußere Mühsal und innere Not wird mir durch zweierlei gemildert. Erstens durch die Tatsache, daß mit sechs Marschbataillonen kein einziger „besserer Mensch" hierher herausgekommen ist (Auch von den „anderen" nicht. — Den Antisemiten zum Bedenken!) Die höchsten Standespersonen (von den jungen, im Zivil noch „standeslosen" Einjährigen und Offizieren sehe ich ab) sind jetzt hier in den sechs Marschbataillonen ein Chauffeur und ein Kammerdiener, und auch diese gehen bald ins Spital. Der Du weißt, wie ich in der Nähe besserer Menschen leide, und daß ich der Meinung bin, es können heute die guten Menschen in der Welt nicht aufkommen, weil alle anderen bereits bessere sind, Du wirst ermessen, wie wohl mir ihr gänzliches Fehlen alldahier tut. Allerdings wäre es schöner und fruchtbarer, in einer besserer-Menschen-freien Atmosphäre im Hinterlande zu sein und die besseren hier draußen zu wissen. Da aber nun einmal (mit Ausnahmen), je besser einer ist, desto „hinterländlicher" er weilt, so muß man hinausgehen, wenn man den Gewinn haben will, von jenen fern zu sein. Zweitens hat für einen Menschen, wie mich, der in vieler Hinsicht nicht weiß, zu welcher „Branche" er gehört, und aus dem bis nun, bis zum 37. Lebensjahr, „noch nichts geworden ist", das eindeutige, gradlinige Muß des Militärdienstes ein beruhigend Linderndes an sich, das sogar über die Soldatenmisere hinausgeht. Der Dienst enthebt nämlich diese Menschen vorläufig im Alltag der Frage und Wahl: Was soll ich praktisch beginnen? Dahier ist die Antwort immer strikte gegeben, so ganz ohne Komplikationen: Um fünf Uhr Tagwache, um halb sieben Vergatterung usw. D. h. das Entscheidende ist: Um fünf muß aufgestanden und um halb sieben muß vergattert sein. Selbstverständlich. Und insofern für einen halb „Berufslosen", wie mich, die Berufswahl auch eine Magenfrage ist (ich betrachte das hier, in bezug auf mich, nicht im direkten, ökonomischen Sinne, sondern als Stimmungsfaktor), ist sie da problemlos gelöst: Um sechs Uhr der schwarze Kaffee, zu Mittag das Fleisch und die Polenta und zu Abend das Viertel Brot. Wie sie auch sind, sicher sind sie eben (die seltene vis maior nicht in Betracht gezogen). Von dieser Seite empfinde ich die Befriedigung über mein Tun auch im Sinne des Wortursprungs: Be - fried - igung. Hinsichtlich der nationalen Motive meines Entschlusses empfinde ich die Befriedigung als Genugtuung; hinsichtlich der persönlichen aber als Friedenmachen, Frieden in mir, Frieden durch den Krieg. Und ich weiß, daß in den ersteren viel unschöner Dünkel, in den letzteren viel Schwäche liegt, und ich ärgere mich darüber, schäme mich jedoch nicht, sie zu bekennen. Auch wird durch diese Schwäche jener Dünkel gedämpft. Ja, aber die Gefahr? Die Gefahr der Verkrüppelung und des Todes? — Nun, darüber denkt man intensiv eigentlich nur im Hinterlande nach. Sobald „Zum Gebet!" geblasen und „Marsch!" kommandiert wurde, ins Feld hinaus, hört das Nachdenken auf. Wie ja bekanntlich Sinn und Wirkung des militärischen Drills überhaupt nicht nur darauf gehen, daß alles richtig und präzis ausgeführt werde, sondern auch darauf, die Mechanisierung des Gehorchens zu erlangen. Daß mit gleicher Selbstverständlichkeit ausgetreten werde, ob es zum Exerzieren geht oder zur vordersten Feuerstellung. Daß Hände und Füße dem Befehl Folge leisten, ohne daß dieser erst gewissermaßen von Kopf und Herz approbiert

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