Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zwei Briefe aus dem Felde
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 111 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraham Schwadron: Zwei Briefe aus dem Felde Iii ZWEI BRIEFE AUS DEM FELDE Zum Druck übergeben von Abraham Schwadron Diese Briefe, die ein ungenannt sein wollender österreichischer Einjähriger, ein Zionist, aus dem Felde privatim geschrieben, übergebe ich im Auszuge zum Druck in der Annahme, daß sie von ihrer jüdischen und menschlichen Seite bei manchem Interesse finden dürften. A. Sch., derzeit im Felde. I. Im Felde, 25. März 1918. Und wenn ich jetzt manchmal bedenke, daß ich vor dem Abgehen ins Feld sehr leicht zur Konstatierung und wohl auch zur Superarbitrierung hätte kommen können (Du weißt ja, daß mein alter Lungenspitzenkatarrh militärärztlich konstatiert und nur seinerzeit als „vorläufig nicht progressiv" klassifiziert worden ist) und nicht wollte, so werde ich für einen Moment wankend. Gleich aber freue ich mich mit dem Gefühl fester Endgültigkeit darüber, daß ich nicht getan habe, was ich hätte tun können und, im direkten Sinne> auch sollen — aber aus mittelbaren Rücksichten nicht durfte. Denn früher schon haben die „anderen", unsere Einjährigen-Kameraden, immer gesagt: „Ihr" werdet nicht hinausgehen! Ich schwieg dazu. Und als der Abmarsch naherückte, da (unleserlich) — ich aber durfte nicht. Zu sehr nämlich prononziert gehöre ich nach Namen und Aussehen und Auftreten zu den „Ihr", zu oft und laut habe ich jüdische, jüdischnationale Tendenzen aggressiv verfochten, als daß ich nicht in Selbstverständlichkeit die Pflicht auf meinen Schultern fühlte, auch nur für ungerechtfertigte böswillige Hinweise keine Möglichkeit zu bieten. — Erinnerst Du Dich, was Du mir bald nach Ausbruch des Krieges von Deinem Freunde, dem achtzehnjährigen zionistischen Einjährigen, erzähltest, wie beim Formieren eines Marschbataillons der Kommandant gefragt hatte, wer von den Einjährigen sich zu diesem Bataillon freiwillig melde, und von all den Nationen, die im Regiment vertreten waren, manche sich meldeten, nur kein Jude, und nun dieser Dein Freund vortrat und sich hinzumeldete, obgleich er früher diese Absicht keineswegs gehabt hatte, und obgleich er seiner ganzen, weichen physischen und psychischen Konstitution nach nichts weniger als ein Soldat, allen seinen Anschauungen über Welt und Gesellschaft und Völkerverhältnisse nach ein eifervoller Gegner des Krieges war? — Als Du mir das erzähltest, da schwieg ich. Aber im Herzen wiederholte ich mir den auf Selbstopfer bezüglichen Ausspruch Rabbi Akibas: „Wann käme nur die Möglichkeit an mich heran, auf daß ich es betätigen könnte!" . . . Und frage ich mich, was ein Einzelner denn bewirken, was für einen Einfluß denn das Verhalten des einen haben kann, so antworte ich mir: Im wesentlich Ethischen gibt es keine direkte Organisierung und bedarf es auch keiner. Es braucht da jeder Einzelne nur so zu tun, wie es gut ist, und das Problem ist aufgehoben. Auch ist derlei für manchen in erster Reihe eine eigenpersönliche Angelegenheit: er muß den anderen ganz offen in die Augen schauen können. Er für sich.