Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Soziale Motive und Ausblicke unserer Palästinakolonisation
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 109 (sequence 4)
- Language
- German
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Soziale Motive und Ausblicke unserer Palästinakolonisation 109 bloß der Ansiedlung in Palästina, sondern auch der „nationalen Selbstbestimmung" des neuen Gemeinwesens. Hiermit mag auch eine deutliche Stellung der zionistischen Politik zu dem, was heute als Politik bezeichnet wird, gefunden werden. Denn eine Qualität hat allerdings jüdische Politik — freilich negativer Art und den historischen Bedingungen nach nicht als Verdienst zu werten — vor dem, was bis jetzt „Politik" geheißen hat, voraus: den Mangel jenes äußerlichen Machtprinzips, das jetzt Europas Riesenheere gegeneinander hetzt und in den Methoden dieses Krieges ein fürchterliches Abbild seiner eigenen Wesensart gefunden hat, eines Systems, das den Krieg heilig spricht und von der Gewalt auch die Weihe der Machtbegründung erwartet Denn soviel auch Juden mitteilhaben nicht bloß an den Tatsachen, sondern auch an den Antrieben dieser Kulturkatastrophe, es sind Erscheinungen, isoliert gegenüber dem unterirdischen Zusammenhang selbst des verkümmertsten und verknöchertsten Judentums. Derjenige würde daher lügen, der dem Zionismus irgendwelche Gewalttendenzen nach außen zuschreiben würde, wie sie bei manchen Völkern nahezu selbstverständlich sind. Und derjenige, der selber von ihm die Begründung jüdischer Macht" erwartete, würde seinen Geist auf das gröblichste verletzen. Es ist ein gutes Zeichen, daß die Weltmächtigen gerade unseres Volkes mit ihren persönlichen Machtinstinkten durchaus außerhalb unserer Bewegung stehen, selbst jene wenigen, welche sich unserer Sache angeschlossen haben. Unsere Politik kann nur sozusagen einem politischen Minimum zustreben, jenen Bedingungen, welche ein Eigenleben in sozialer und in kultureller Hinsicht garantieren. Diese Forderung aber ist, angesichts der jüngsten Ereignisse in Palästina und angesichts des bevorstehenden Friedenskongresses, auf dem das jüdische Problem nicht bloß aufgeworfen, sondern hoffentlich auch von nationaljüdischer Seite vertreten werden wird, eine „Forderung des Tages". Für die Kolonisationsbewegung selbst kann die Bindung an die zionistische Partei nicht nur äußere Sicherung, nicht nur den Vorteil konsequenter Organisation bedeuten, sondern auch im Hinblick auf den Einzelnen den weiteren historischen Horizont und damit auch eine Stützung für Treue und Geduld am neuen Lebenswerke. In dem Maße aber, als der weitere Gesichtspunkt der Volkserneuerung auch auf sozialem Gebiete in der vor allem auf das Reale gerichteten Organisationsform zum Siege gelangt, tritt diese immer mehr in Beziehung zu den großen Fragen eines neu zu organisierenden Gemeinschaftslebens. Geht es nun bei den politischen Fragen um ein richtiges Ergreifen des Augenblicks, so gilt es hier, Weitreichendes, Dauerndes zu pflanzen, in richtiger Beziehung zu den sozialen Tatsachen der Gegenwart, zu den Erbstücken der Vergangenheit und zu den noch unbestimmten Zukunftstendenzen einer in chaotischem Übergange befindlichen Generation. Denn das eine ist uns klar bewußt: daß ein neues jüdisches Gemeinwesen geistig und sozial ein Neues sein muß, daß seine Bestimmung nicht sein kann, die politischen und sozialen Gestaltungen der Gegenwart der Zahl nach zu vermehren, sondern dem Grade nach zu erhöhen. Unsere Kolonisation wird übrigens, wie es scheint, in sozialer Beziehung recht bald manche Probe zu bestehen haben: wenn dank der Agitation der allerletzten Jahre eine Landarbeiterschaft in größerem Umfange, aber auch ein gewisses Großkapital derselben zuströmen wird. Wir müssen an die Schwierigkeiten denken, welche auch heute noch bestehen für eine Arbeiterschaft, die