Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Soziale Motive und Ausblicke unserer Palästinakolonisation
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 108 (sequence 3)
- Language
- German
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io8 Ernst Müller: tivität nahezu ins Verschwinden geraten sind. Im Spiegel bloß der ökonomischsozialen Tatsachen betrachtet: das jüdische Volk hatte keine heimatliche Erde und keinen an eine solche gebundenen Berufsstand, während andrerseits auch die Macht des schöpferischen Einzelgenius sich — zumal in seiner nationalen Form beschlossen — jetzt nur mehr höchst selten in ihm fand. Auch die typischen Berufe sind enge an die abstrakteste Beziehung des wirtschaftlichen Lebens: den Handel und noch mehr den Geldhandel, und andrerseits mehr an die beziehenden oder anwendenden als an die schaffenden oder gestaltenden Gebiete geistiger Betätigung gebunden. Mit einem kühnen Ansatz will derjunge Zionismus, eine tausendjährige Kluft überspringend, an die enge Gebundenheit des Heimatsbodens wieder anknüpfen, und in Verschmelzung eines Rousseauschen Natur- und eines konzentrierten Nationalgefühls wird das Streben nach der Palästinaerde zu einer Sehnsucht der Besten des jüdischen Volkes. Daß hier auch schon in sozialer Beziehung ein viel innerlicheres Motiv liegt als jenes der bloßen Notbeseitigung, daß es sich hier prinzipiell um eine Art Berufsumschichtung eines ganzen Volkes handelt, wurde wohl auch innerhalb des politischen Zionismus der Herzischen Ära — trotz des damaligen Mißtrauens gegen die augenblickliche Kolonisation — häufig genug betont, deutlicher in späteren mehr oder weniger sozialistischen Gruppen der Bewegung. Innerhalb der Kolonisationsbewegung freilich kommt hier zunächst nur ein ziemlich eng umgrenzter Kreis in Betracht. Aber es wird sich von einem gesunden Aufbau des jüdischen Lebens in Palästina zweifellos eine Rückwirkung auf die Gesamtjudenheit geltend machen. Andrerseits wird ja durch die Zerrüttung und die politischen Umgestaltungen der großen jüdischen Siedlungszentren in den östlichen Ländern die Judenheit, abgesehen von den politischen Fragen der nationalen Autonomie, vor innere Probleme sich gestellt sehen, vor die Probleme eines gesünderen nationalen Wirtschaftslebens, das sich neben, in und außerhalb der Landesvölker behaupten kann. Aber es weist dieses rein territorial bestimmte, in jedem Lande wohl anders bedingte jüdische Volksproblem, weil die Judenheit doch nicht in gleichem Sinne historisch bodenständig ist wie etwa die Litauer in Litauen oder die Vlamen in Belgien, auf Palästina als die notwendige Ergänzung, als die nationale Einheit für die Vielheit der, wenn auch etwa bereits autonomen Judenheiten der verschiedenen Länder. So bildet die irgendwo erdgebundene nationale Einheit den Hintergrund für eine innere Gesundung des sozialen Gefüges des Judentums in den verschiedenen Ländern, wie diese allein, dem Zuge der Zeit zufolge, dem längst die Philanthropie nicht mehr nachkommt, auch die Grundlagen der Judennot beseitigen kann. Eine besondere Art der Motivation bildet wiederum das rein nationale Moment: die Zusammenfassung der bis nun den Bedingungen der ganzen Welt unterliegenden Volkssplitter zu der Lebensform eines in sich freien nationalen Gemeinwesens. Dieses zunächst bloß formale Prinzip findet seinen adäquaten Ausdruck in der politischen Organisation. Politik ist ja ihrer Natur nach nichts anderes, als was Herzl vom politischen Zionismus sagte: „die Schaffung von Bedingungen, nicht von Dingen", ein System formaler Abgrenzungen und klarer Übereinkommen. Aus dem in gewisser Richtung ominös gewordenen Namen des „Judenstaates" verbleibt doch die Notwendigkeit politischer Sicherung nicht