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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Soziale Motive und Ausblicke unserer Palästinakolonisation
Date
1918-01-01
Page
110 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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HO Ernst Müller: Soziale Motive und Ausblicke unserer Palästinakolonisation nicht von Hause aus Landarbeiterschaft ist, an die Kluft, welche vielfach schon bis jetzt bestanden hat zwischen dem Kolonistenideal des ruhigen, womöglich reichlichen Besitzes und dem auf sozialistische Gemeinschaftsformen eingeschworenen einwandernden Arbeiter. Da ferner die Neusiedlung in gewisser Beziehung ein europäisches Werk ist, europäische Muster, Methoden und noch mehr Gewohnheiten in sich trägt, so kann auch schon darum besorgt werden, daß soziale Verhältnisse, die in Europa, vielleicht infolge ihrer katastrophalen Zuspitzung der jüngsten Gegenwart, überwunden werden müssen, in den engeren Verhältnissen Palästinas weiter existieren. Es bedarf darum eines starken idealen und realen Schutzes gegen jedes Aufkommen sozialer Ausbeutung, gegen jedes Überwuchern eigensüchtigen Gewinngeistes über die Interessen der Gemeinschaft, wie ebenso gegen jede anarchische Zersplitterung. Die zionistische Organisation wird, wie sie dies im Nationalfonds bereits angebahnt hat, und die entsprechenden Organisationsformen würden sich im Anschluß an das Palästinaamt leicht finden, irgendwie das ganze Kolonisationswesen gewissen Grundsätzen unterwerfen können, wodurch Arbeit und Besitz enger aneinander gebunden werden und jeder Aufschwung des volkswirtschaftlichen Lebens zugleich einen Aufschwung der Gesamtheit begründet, wodurch z. B. auch die Einführung wirtschaftlich neuer, z. B. industrieller Lebenszweige nicht mehr bloß durch den doppelten Egoismus von Angebot und Nachfrage bedingt wird, sondern auch durch Erwägung der Stärkung und Veredlung des gesamten nationalen Lebens. Zu den sozialen Schwierigkeiten des neuen Gemeinwesens gehören nebenbei auch die zahlreichen unproduktiven Elemente der Bevölkerung, die übrigens den Tiefstand menschlichen Elends darstellen, und die irgendwie einmal werden eingegliedert werden müssen in einen Organismus, der selbst noch manche Reste von Degeneration und Greisenhaftigkeit zu überwinden sich anschickt. Der soziale Geist des neuen Gemeinwesens wird sich auch zu bewähren haben im Verhältnis zur arabischen Mitbewohnerschaft, und auch da wird sich unser Gemeinwesen zu unterscheiden haben von manchen Gewohnheiten europäischen Kulturträgertums. Freilich kann uns auf dem Gebiete des ökonomischen Machtegoismus im allgemeinen nicht die gleiche Sicherheit eignen wie auf dem des politischen, denn wir haben an diesem zweiten Elemente, das jetzt in Europa seinen traurigsten Triumph und seinen schauervollen Zusammenbruch erfährt, ein gut Stück Anteil. Diese Art Egoismus ist aber für jede Gemeinschaft umso gefährlicher, als sie sozusagen in ihrem Gegensatze gegen alles Universelle selbst universell ist und allen materiellen und selbst ideellen Möglichkeiten sich anzupassen vermag. Hier gilt es ganz besonders, den alten jüdischen Genius wieder wachzurufen, der aus den Flammenreden der Propheten sprach, der gutes Erbe auch noch des Ghettos war, der in teilweise materialistischer Verkleidung dem Sozialismus Pate stand und in allen großen Umwälzungen, die von dem Schrei nach Gerechtigkeit entfacht wurden, Juden an jene Stellen setzte, die die größten Opfer auch des Blutes erheischten. Diesen Geist neu zu erwecken vermag freilich kein soziales Programm, er hat wie alles Geistige nur einen geistigen Ursprung; seine Verwirklichung aber müßte er finden in einer neuen Erziehung, in neuer Lebensgewöhnung, in einem neuen nationalen Pflichtbewußtsein und einer neuen Art von Lebenszielen. z. Zt. Baja (Ungarn) Ernst Müller

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