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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 107

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Soziale Motive und Ausblicke unserer Palästinakolonisation
Date
1918-01-01
Page
107 (sequence 2)
Language
German
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Soziale Motive und Ausblicke unserer Palästinakolonisation 107 der Kolonisation einer Menschengruppe dauernde Gesundung und Befriedigung bringen können. So trägt die Geschichte jener „vorzionistischen" Kolonisation ein Doppelantlitz: studentischer Idealismus und ein der Sache selbst gleichgültiges Beamtentum der Wohltätigkeit; in Weltfremdheit doch ein neues Leben der Erde Suchende, aber auch spekulative Nutzer neuer Gewinstquellen. Im Herzischen Zionismus ist die umfassende Idee einer universellen Umwälzung in der Weltstellung des jüdischen Volkes zugleich verbunden mit jener einer möglichst nahen Befreiung vom Elend — ein Punkt, der Achad-Haam zur heftigsten Kritik herausforderte. Dem gleichen Motiv entsprang das „Ugandaprojekt" — Nordau bezeichnete das angebotene Land als „Nachtasyl" —, entsprangen von verschiedenen Seiten die Projekte eines „größeren Palästina" und die Abspaltung des Territorialismus, zumal die Bedingungen Palästinas in räumlicher und zeitlicher Beziehung damals doch bei weitem nicht die Hoffnung erfüllen konnten, einer Wanderung jüdischer Volksmassen, die seit den Tagen der Zerstörung des zweiten Reiches die massenhafteste der jüdischen Geschichte ist, für nahe Zeit ein dauerndes Ziel zu bieten. So mußte für die Befreiung der Massen allmählich an die Stelle einer momentanen und direkten die indirekte, historische Lösungsmethode treten, ohne daß darum die zionistische Bewegung, unter den Bedingungen realer wirtschaftlicher Faktoren mit entsprechenden politischen Sicherungen, die Möglichkeiten einer größeren Massenkolonisation ausgegeben hätte, welche ja unlängst wieder durch eine namhafte deutsche Autorität in den Vordergrund des Interesses gebracht wurden. Jedenfalls liegt es in der Natur einer Kolonisation, die nicht bloß Volkshilfe, sondern^ Ausdruck einer Volkserneuerung sein will, einer Kolonisation, die, in entgegengesetzter Richtung wie andere verlaufend, nicht darin besteht aus der Heimat Glieder abzuspalten sondern aus den neuen Ansiedelungen erst eine Heimat zu machen, liegt es namentlich an den Vorbedingungen gerade für dieses Volk, daß das qualitative Moment dem quantitativen vorauszugehen hat, daß noch immer die Schaffung nationaler Kernpunkte, wie sie ja eigentlich noch im Beginne ist, das nächste Ziel der Kolonisationsbewegung bildet. Überhaupt ist unter dem Gesichtspunkte der Volksrenaissance auch das ganze Judennotproblem nicht so mechanisch zu fassen, als vermöchte eine noch so große und opferreiche und noch so zweckmäßige Hilfsorganisation, mit der Judennot auch deren Ursachen und mit diesen auch die tieferen Untergründe dieser Ursachen aus der Welt zu schaffen. Es lag vielmehr schon den ersten, schwärmerischen Schritten jener „vorzionistischen" Zionisten das Gefühl zugrunde einer anderen Art des Lebens, der das Judentum, emanzipiert von Druck und Enge des Ghettos, aber auch sich emanzipierend von den Versuchungen der Emanzipation, jetzt zustrebe. Eine andere Art des Lebens — das heißt: ein realeres Leben, näher dem Urquell des Lebens, und dies nach zwei Seiten: nach der der Natur und nach der des Geistes. In dem Zusammenhang der sozialen Motive ist es vor allem bedeutsam, daß auch die ökonomische und soziale Schichtung des jüdischen Volkes — natürlich zerstreut in verschiedenen volkswirtschaftlichen Organismen — eng gebunden ist an eine Art Unrealität des Lebens, welche allerdings nicht gerade auf das jüdische Volkstum beschränkt, anderwärts vielleicht sogar noch stärker vertreten ist, hier aber doch ein ganzes Volk so weit ergriffen hat, daß ihm die urproduktiven Elemente des Lebens, jenes der naturhaft gebundenen Arbeit und jenes geistig-schöpferischer Produk-

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