Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zion und die Jugend
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 105 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zion und die Jugend ioS eure Blicke, beuget nicht eure Herzen, und über alles, beuget nicht euer Leben! Lebt frei und rein! Erhebt euch über die Laufbahn, und die Bahn wird sich euch öffnen; lasset den Erfolg fahren, und das Werk wird sich in eure Hände schmiegen. Und zum zweiten, widerstrebet dieser Welt der Lüge, die es zustandegebracht hat, sich in der heillosesten Entzweiung, der zwischen Idee und Leben, behaglich einzurichten. Scheidet euren Weg von den Wegen derer, denen das Ideal ein wirksames Auslage-Schaustück für Volksversammlungen und Parlamente, für Leitartikel und Aktualitätsphilosophien, für Manifeste und Hymnen ist. Die Rhetorik des Ideals als Ersatz des persönlichen Ernstmachens ist tausendfach schlimmer als die krasse Ideallosigkeit; nicht in dem Mangel der Botschaft, sondern in dem Schein der Botschaft, in der Botschaft als Maske stellt sich die wahre Verworfenheit des Zeitalters dar. Wenn heute schon die stillen Eigenschaften innerster Existenz, wenn sogar Güte und Menschlichkeit von eitlen und der reinen Gemeinschaft unfähigen Worttechnikern als modische Schlagworte proklamiert werden, ist es an der Zeit, sich gegen alle Rede, die nicht eine Äußerung persönlichen Lebens und persönlicher Verantwortung ist, zu wappnen und die eigne Seele vor ihr zu behüten. Das Wort muß von der ganzen Person, von einer ganzen Person gedeckt werden. Wie die Welt der Gesinnung der Welt des Erfolges, so steht die reale Gesinnung, die man lebt, der fiktiven gegenüber, zu der man sich bekennt. Das Judentum ist die Lehre der realen Gesinnung, die nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres ist, „sondern dir sehr nahe ist das Ding, in deinem Mund und in deinem Herzen, um es zu tun". Dem Judentum ist die Wahrheit einer Idee erst da vorhanden, wo sie die Wahrheit eines Lebens geworden ist. Bewähret euer Judentum! Machet Ernst mit dem Leben, und das Leben wird mit euch Ernst machen! Zum dritten aber widerstrebet der Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit, die heute mißtöniger als je aus den humanitären Phrasen der Nationen hervorkreischt, all der Nationen, die sich der Pflicht, die Gerechtigkeit ihrer Sache mit dem innersten Wesen nachzuprüfen, dauernd enthoben meinen, weil es ihre Sache ist, und sich der Mahnung der Ewigkeit, das Recht zu suchen, verschließen. Erkennet, daß die wahre Liebe zu einem Volke nicht die ist, die es durchsetzen, sondern die, die es gestalten will. Auch den Völkern ist wie den Menschen das göttliche Bild vor die Seele gestellt, daß sie sich danach bilden; sie aber ziehen vor, sich selbst wohlgefällig zu bespiegeln und sich in ihrem Sosein zu behaupten. Entzieht euch diesem schalen und geistverlassenen Gebaren! Ihr seid euch eurer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke bewußt geworden, ihr seid stolz darauf, und das ist ein guter Stolz, wenn ihr damit nicht das meint, was es ist, sondern das, was es werden kann — was es durch eure Hilfe und nur durch eure Hilfe werden kann. Ja, dieses Volk ist auserwählt: zu einem Werk der Gemeinschaft — zu einem Werk, das es nur vollbringen kann, wenn ihr daran teilnehmt. Wenn euch euer Judentum ein Genügen ist, ist es in euch tot; nur wenn es euch ein Stachel ist, lebt es in euch. Glaubt nicht, wenn ihr euch Zionisten nennt, seiet ihr schon was Rechtes. Wenn Zionismus nicht unablässige Arbeit des Zionisten an sich selber und am Volke ist, ist er ein leeres Wort. Das Volk darf euch nicht eine fertige Tatsache, es muß euch eine Aufgabe, eine persönliche Lebensaufgabe bedeuten. An euch, an der Jugend wird es liegen, ob aus diesem Schutthaufen ein Gottestempel,