Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zion und die Jugend
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 104 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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104 Martin Buber: in unsrem Gemeinschaftsleben starr und unfruchtbar geworden; nur in Einzelnen, Einsamen glimmen die heiligen Funken. Wo anders als in Zion könnten sie zur Flamme zusammenschlagen? Wo anders könnte uns eine neue religiöse Schöpfung, ein neues Gotteswort für uns und die Menschheit, eine wahrhafte Wiedergeburt für uns und die Menschheit zuteil werden? Ackerbauern waren es, aus denen die letzte große eigentümlich jüdische religiöse Bewegung in Erez Israel, die essäische, erwuchs, Landvolk, das ein reines gemeinsames Leben suchte und Gott fand. Ackerbauern, Landvolk ist es, auf das ich meine Hoffnung setze. Auch sie, auch wir werden, das ist mein Glaube, ein reines Leben suchen und Gott finden. Dann wird Zion, wie es verheißen ist, ein Gotteshaus für alle Völker werden. Der Ruf, Zion zu erbauen, ergeht an die jüdische Jugend. Es ist die Zeit der Entscheidung. Seit langem,' so erscheint es mir allen widrigen Gegeneindrücken zum Trotz, hatte das Judentum kein junges Geschlecht wie heute, mit einer so glühenden Sehnsucht nach dem Unbedingten, mit einer so rückhaltlosen Hingabe an das Ideal. Zwischen diesem Geschlecht und der Erfüllung steht nur die Tat, die es tun will, auf die es sich zunächst bereiten will. Aber noch viel lauter, noch viel brutaler als je wird dieser Jugend von dem Verhalten der ganzen Umwelt die Lehre gepredigt, daß die sogenannten Tatsachen stärker seien als die Ideen, daß wir in eine Entwicklung eingestellt seien, in die wir nicht bewältigend und formend einzugreifen vermögen, und daß das Streben, dem Kultus des allmächtigen Nutzens zu entrinnen, den Widerspenstigen zu einem einsamen, verbannten, erfolglosen Eigenbrödler und Phantasten mache. Wird diese Lehre auch jetzt und hier über die Hingabe siegen? Wird die reine Kraft, die sich anschickt, mit dem wahrhaften Leben auf Erden Ernst zu machen, wieder unter das Joch der Lüge und des geistwidrigen Mittuns gezwungen werden? Wird sich das Gesetz der Trägheit wieder stärker erweisen als der Aufschwung des Geistes? Wird die Glückschance des Judentums noch einmal vertan werden? Ich glaube trotz allem an den Sinn des furchtbaren Augenblicks, den wir erleben, an seinen Sinn für die Menschheit und an seinen Sinn für das Judentum. Ich glaube an die Jugend dieses Augenblicks, an die Menschheitsjugend und mit einem besondren Glauben an die jüdische Jugend. Ich glaube an die Stunde von Gibeon. Und im Aspekt dieser großen Stunde rufe ich der jüdischen Jugend zu: Widerstrebet! Widerstrebet dem Übel! Aber widerstrebet ihm mit eurem eignen Leben! Widerstrebet vor allem dieser Welt des Erfolgswahns, die sich heute anmaßt, die wirkliche Menschenwelt zu sein und doch nur ein machtgeschwollener Popanz ist. Schaut ihr auf den Grund! Lasset euch nicht betören von ihren denk- und sprachgewandten Lobhudlern, die vierundzwanzig Stunden nach jedem Erfolg schon eine schimmernd neue Ideologie feilbieten, welche unwiderleglich beweist, gerade in diesem Erfolge habe sich der Sinn der Weltgeschichte erfüllt. Wir Juden, wir vom Blute Arnos' und Jeremijas, Jesu und Spinozas und all der Erderschütterer, die erfolglos starben, wir kennen eine andre Weltgeschichte als diese, die der Erfolg niederschreibt. Seid ihrer eingedenk! Beuget nicht