Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zion und die Jugend
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 103 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zion und die Jugend 103 Stimme der Menschheit aus der Zeit zu der Jugend aller Völker mit feurigen Zungen redet und sie anruft, daß sie nicht erliege, deß sie widerstehe, daß sie sich bewahre, daß sie ihre Tat tue, so ruft die Stimme des Judentums die Jugend an, daß sie widerstehe, daß sie sich bewahre, daß sie ihre besondre, ihr allein angewiesene Tat tue. Aber aus der Stimme dieses Volkes tönt die wahre Stimme der Menschheit. Denn in seinem Rufe, in der Tat, die es fordert, sind die drei Elemente des echten Gebotes, das nationale, das soziale und das religiöse, unlösbar verschmolzen. Diese Tat ist eine wahre Menschheitstat. Rettung eines Volkstums — dies ist der eine Sinn der Errichtung Zions. Diese Rettung hat nicht die Form eines Befreiungskampfes, sondern einer Auslösung in die Freiheit. Solange das Judentum unter die Völker aufgeteilt und ihrem Leben verhaftet, solange es dem Willen ihrer Staaten ausgeliefert ist, solange es nicht zumindest ein frei pulsierendes Herz hat, aus dem ein Strom freieren Lebens in alle Adern fließt, kann es nicht zu sich selber und zu seinem Werke, zu seinem wahren Anteil am Werk der Menschheit kommen. Schon hier ist der menschheitliche Charakter der uns aufgegebenen Tat erkennbar. Aber es soll ja nicht ein Gemeinwesen von Juden, sondern ein wahrhaft jüdisches Gemeinwesen errichtet werden. Ein wahrhaft jüdisches Gemeinwesen aber kann kein anderes sein als eines, in dem die Gebote Moses für den Ausgleich des Besitzes, die Aufrufe der Propheten zur sozialen Gerechtigkeit in einer die Wirtschaftsverhältnisse unsrer Zeit einbeziehenden und meisternden Form zu Wirklichkeit werden. Unser erstes Werk auf freier Erde muß sein, daß wir mit dem immanenten Gemeinschaftsideal des Judentums Ernst machen. Es darf nicht länger ein feierlicher Hallenbau aus Worten bleiben, es muß zu wohnlichen Häusern, zu gelebtem Alltag werden. Wir wollen Zion aufbauen, das ist, wir wollen ein reines, schönes und unbefangenes Zusammenleben, ein Miteinanderleben und Ineinanderleben, eine lebendige Unmittelbarkeit zwischen Menschen, zwischen jüdischen Menschen stiften. Dazu müssen wir unsre Menschen zur echten Gemeinschaftsgesinnung, zur tätigen Liebe erziehen. Wir müssen aber zugleich Formen und Institutionen einsetzen, mit deren Hilfe sich diese Gesinnung frei bekunden und bewähren kann. Es liegt uns ob, ein Neues und Festes zu schaffen, das wir vor unsrer Vergangenheit und vor unsrer Zukunft mit ungeteiltem Gewissen verantworten können. Auch wir haben keine verfallenen Schlösser und keine Basalte. Aber wir haben, was Amerika nicht hatte: die große Überlieferung der gerechtesten sozialen Gesetzgebung und die Erinnerung an die prophetischen Zornnufe über ihre Nichterfüllung. Wir tragen diese Überlieferung und diese Erinnerung nicht in unsrer Bibel allein, sondern als unauslöschliche Mahnung in unseren Herzen. Wir wollen diese Zornrufe nicht noch einmal vernehmen, nicht noch einmal vor ihnen zuschanden werden. Wir wollen Ernst machen und mit unsrem Ernstmachen das der Menschheit beginnen. Und wie unsre nationale Befreiung nicht den Charakter des Krieges, sondern den Charakter der Auslösung hat, so hat unsre soziale Umgestaltung nicht den Charakter der Revolution, sondern den des Aufbaus. Das dritte und höchste Element ist das religiöse. Von ihm darf nur weniges gesagt werden, und auch wo es vor vielen öffentlich geschieht, doch nicht an eine Menge, sondern an jeden Einzelnen. Und so dürfen wir, als Hoffnung und Ahnung aussprechen, daß auch an der innersten Gewalt des Judentums, daß auch an der jüdischen Religiosität in Zion Erneuerung sich vollziehen wird. Heute ist sie