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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Zion und die Jugend
Date
1918-01-01
Page
102 (sequence 4)
Language
German
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102 Martin Buber: mit der Gemeinschaft der Sprache, der Kultur verbindet, dieses eine Entscheidende nicht: er findet die Kräfte, die einst diese Sprache, diese Kultur geschaffen haben, in sich nicht vor. Er hat diese Geisteswelt übernommen, er mag an ihrem Ausbau mitgewirkt, auch wahrhaft produktiv mitgewirkt haben, aber die schöpferischen Urkräfte dieser Seele und dieser Geschichte, das Geheimnis dieses in tausend Wandlungen durch die Zeiten schreitenden Volksmythos trägt er nicht in sich. Er steht an dessen Ausgang, er hat am Anfang nicht gestanden. Er hat die Götter dieses Volkes kennen gelernt, nachdem sie zu Ideen geworden sind, er hat sie nicht gekannt, als sie noch Götter waren. Er mag den Geist eines Urhebers haben, er hat das Schicksal eines Epigonen. So muß denn der westjüdische Jüngling, der sich zuinnerst auf sich selber besinnt — und dieses Sichbesinnen ist es, das von jedem zu allererst zu fordern ist — erkennen, daß er sein eigentlichstes Verhältnis zur Gemeinschaft auf seinem Judentum, auf seinem jüdischen Volkstum aufzubauen hat. Hier hat sein Wesen, hat er am Anfang gestanden; dieses Volkes Gott hat er gekannt, als er noch als Wolkensäule am Tage, als Feuersäule in der Nacht vor dem Volke einherzog; hier kann er Urheber, darf er Schöpfer sein. Aber um das Verhältnis zum jüdischen Volke wahrhaft aufzubauen, genügt es nicht, sich als in ihm stehend wahrzunehmen, sich ihm bewußt anzuschließen, sich zu ihm zu bekennen. Dadurch allein kann jenes leidenschaftliche Verlangen der Jugend nach dem Leben und Sterben in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft nicht befriedigt werden. Es kann dies auch in andren Völkern nicht, am allerwenigsten aber im jüdischen Volke, das so sehr des vollen Lebenseinsatzes jedes einzelnen seiner Söhne bedarf, um wieder das zu werden, was es in seiner Wahrheit ist. Von Grund aus falsch jedoch wäre es auch, nach Art des herrschenden Nationalismus aller Völker die wesentliche Aufgabe in der Durchsetzung des jüdischen Volkes zu erblicken. Das hieße das allgemeine Ziel, hieße erst recht das besondere von Grund aus verkennen. Weit mehr noch als bei irgendeinem andren Volke besteht beim jüdischen zu Recht, daß es nicht gilt, es durchzusetzen, sondern es zu gestalten; die in ihm schlummernde, noch immer schlummernde Urform zu erlösen. Um diese gestaltende Arbeit am Volke frei beginnen zu können, bedürfen wir einer freien Stätte, wo wir ganz aus eigner Art und Kraft, vom Fremden äußerlich und innerlich unabhängig geworden, ungehemmt und unbeirrt schaffen können; bedürfen wir der einen Stätte, wo allein dieses Volk frei und eigen war, wo allein es frei und eigen sein kann; bedürfen wir Zions. Zion ist Größeres als ein Stück Land in Vorderasien; Zion ist Größeres als ein jüdisches Gemeinwesen in diesem Lande; Zion ist Erinnerung, Mahnung, Verheißung; Zion ist das neue Heiligtum im Bilde des alten; von Zion soll wieder wie einst die Lehre ausgehen. Es ist der Grundstein des messianischen Menschheitsbaus. Es ist die unendliche Aufgabe der jüdischen Volksseele. Ich habe von der Schwere der Problematik gesprochen, mit der die jüdische Jugend beladen ist. Ich will nun auch ein Wort von der Fülle der Verheißung sagen, mit der sie gekrönt ist Es ist ein Zeitalter der Entscheidung, in dem wir leben. Entscheidung für die Menschheit, Entscheidung für die Völker, eine ganz besondre Entscheidung für das jüdische Volk. Das Schicksal des jüdischen Volkes entscheidet sich heute, das jüdische Volk entscheidet heute über sein Schicksal. Und wie die

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