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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Zion und die Jugend
Date
1918-01-01
Page
101 (sequence 3)
Language
German
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Zion und die Jugend IOI In diese geistige Situation tritt die jüdische Jugend unsrer Zeit (und ein Teil der ostjüdischen) mit einer einzigartigen Schwere der Problematik, die ganze jüdische Jugend aber mit einer einzigartigen Fülle der Verheißung ein. Die Problematik, die ich meine, besteht darin, daß die westjüdische Jugend die Gemeinschaft, nach der sie Verlangen trägt, erst wahrhaft finden muß. Die Verheißung, die ich meine, besteht darin, daß an die jüdische Jugend ein besondrer Ruf der Zeit ergeht, daß ihr eine besondre Tat aufgegeben wird, und daß darin nicht eines bloß jener drei Elemente, die ich genannt habe, lebt, daß darin vielmehr alle drei, das nationale, das soziale und das religiöse, unlösbar verschmolzen sind. Lassen Sie mich vorerst von der Problematik sprechen. Der westjüdische Jüngling, der zum Bewußtsein seines Verhältnisses zur Gemeinschaft erwacht, findet sich zwischen zwei Gemeinschaften gestellt, gleichsam zwischen sie aufgeteilt — jeder einzelne, wiewohl der Anteil der beiden bei verschiedenen Personen sehr verschieden ist. Die eine ist die Gemeinschaft, der er durch seine Geburt entstammt, die andere die Gemeinschaft, die die Sprache geschaffen hat, die er spricht und in der er denkt, die die Kultur geschaffen hat, die ihn gebildet hat und in die er tätig hineinzuwachsen beginnt, die das Staatswesen geschaffen hat, dessen Bürger er ist und an dessen Schicksal er leidend und handelnd teilnimmt. Welche der beiden ist die Gemeinschaft, der er sich zutiefst ergeben muß, wenn er die Erfüllung finden soll? In sehr vielen Fällen wird er die Gemeinschaft der Kultur, der Sprache, des Staatswesens dafür halten müssen, und in der Tat sind es starke und vielfältige Bande, die ihn an diese heften. Aber eines fehlt, ein Letztes, Innerlichstes, Wesenhaftestes, das fundamentale Prinzip der wahrhaften Verbindung mit einer Volksgemeinschaft und doch nur selten in seiner Bedeutung gekannt und bewußt: das Gemeinschaftsgedächtnis. Das Gedächtnis des Menschen ist nicht auf die bewußte Erinnerung an sein persönliches Erleben beschränkt, es umschließt — um einen vielleicht verdeutlichenden naturwissenschaftlichen Begriff gleichnisweise zu gebrauchen — eine Mneme, die an sehr viel weitere Bezirke der Zeit und des Raumes rührt. Ich meine damit nichts Metaphysisches, sondern die Erfahrungstatsache, daß jeder Mensch in einem großen Teil seines Wesens das Produkt der Geschlechter ist, die ihn gezeugt haben, der Brennpunkt der Kreuzungen, die in ihm zusammenlaufen, der Körper gewordene Niederschlag des Schicksals der Väter und Mütter. Dieses sein so gewordenes Wesen findet der Mensch in seiner Selbstwahrnehmung vor. Freilich erscheint es ihm hier nicht als Erinnerung, sondern als Gegenwart. Er erfährt das Gemeinschaftsgedächtnis mehr in der Form des Seins als in der des Bewußtseins. Der soziale Charakter dieses Gedächtnisses tritt ihm nicht rein, sondern individual verhüllt entgegen. Aber wenn er sich zuinnerst besinnt, offenbart sich ihm dieses sein Sein als ein Gewordensein; das in seinem Leibe beschlossene Leben entfaltet sich ihm als das über Zeit und Raum hingestreckte Leben einer Geschlechterfolge, und in dem geheimen Rauschen seines Blutes entdeckt er das Volk. Er findet in sich die Kräfte, die dieses Volk erhoben und die es erniedrigt, die es groß und die es unselig gemacht haben, er findet aber in sich auch die schlummernde, noch immer unerlöste Urform dieses Volkstums, die es zu erlösen gilt. Und nun weiß er, worauf er sein eigentlichstes Verhältnis zur Gemeinschaft aufzubauen hat. Was immer ihn mit der andern, 8*

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