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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Zion und die Jugend
Date
1918-01-01
Page
100 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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100 Martin Buber: einer Nation vom Druck einer ihr auferlegten Fremdherrschaft. Das zweite, höhere, ist der Umbau einer verrotteten Gesellschaft, die Verwirklichung gerechterer Grundsätze des Gemeinschaftslebens. Das dritte, höchste, ist die Verkündung einer Heilswahrheit an die Menschheit, so oft das Verhältnis zum Absoluten sich neu im sterblichen Wesen verkörpert hat. Diese drei Elemente — das nationale, das soziale, das religiöse —, diese drei Taten — Befreiungskampf, Revolution, Apostolat — können mancherlei Verknüpfungen untereinander eingehen; immer aber sind sie und nur sie es, deren Ruf an die Jugend aus der Wahrheit, aus tiefer Not und Notwendigkeit kommt. (Freilich gibt es auch Elemente, die die Stimme eines dieser drei, etwa der nationalen Befreiung, annehmen, den echten Ruf nachahmen und die Jugend in die Irre führen.) Wir leben in einem der^Zeitalter, von denen ich gesprochen habe. Seit einer Weile schon dringt der Ruf der Zeit, der Ruf der Wende an die Ohren der Jugend, Aber sie vermag ihn nicht zu verstehen, vielleicht weil er wie aus der Ferne, seltsam gedämpft, nicht wie ein Befehl, sondern fast wie ein erstickter Hilferuf erklingt. Die Jugend ist bewegt; sie fühlt, daß von ihr gefordert wird, sie möge ihre unzerstreute Energie bewahren und ihr Werk tun; aber sie weiß noch nicht, welches Werk das ist, das sie tun soll. Ein Zeugnis dieses Zustands ist die gegenwärtige Jugendbewegung einiger Völker, etwa die deutsche. Sie irrt, weil sie wähnt, die Jugend sei Selbstzweck, und nicht erkennt, daß sie das Werkzeug einer Erfüllung sein soll; doch sie ist auch in der Wahrheit, weil sie die reine Kraft der Jugend erhalten und sie vor dem zersetzenden Einfluß des Getriebes bewahren will. Aber auch die Richtung beginnt dämmernd offenbar zu werden. Der Irrwahn des vergangenen Zeitalters mit seinen Parolen von Persönlichkeit, Machtwillen und Kultur ist zerstoben. Die Jugend hat erkannt, daß Persönlichkeit wohl eine herrliche Realität, aber keine Aufgabe ist, und daß Persönlichkeiten die sind, die so wahrhaft unter dem überwölbenden Himmel ihrer Sache stehen, daß er sie wie eine Glocke umschließt. Sie hat ferner erkannt, daß Macht ein unvermeidliches Mittel, aber kein Ziel ist, und daß heilig große Macht auf Erden nur die hatten, die in Demut und um der Verwirklichung ihrer Sache willen nach ihr griffen. Sie hat endlich erkannt, daß Kultur wohl die Blüte des Gemeinschaftslebens ist, aber daß sie nicht gemacht werden kann, und daß Kulturlosigkeit unendlich besser ist als die gemachte Scheinkultur, in der wir leben, — daß eine neue Kultur, eine neue Totalität der geistigen Welt nur erstehen kann, wenn es wieder wirkliche Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, ein wirkliches Miteinanderleben und Ineinanderleben, eine lebendige Unmittelbarkeit zwischen den Menschen gibt. Aber all dies ist der Jugend nicht abgezogenes Wissen, sondern brennendes Durchdrungensein und leidenschaftliches Erfahren. Es ist nicht ein Haben, sondern ein Wollen. Das Verlangen nach einer überwölbenden Sache, nach einer Gemeinschaftssache, das Verlangen nach dem Leben und Sterben in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft ist in der Jugend unsrer Zeit erwacht. Mag dieses Verlangen auch zuzeiten irregeleitet, mag es von Gewalten, die allen Idealismus zu mißbrauchen verstehen, mißbraucht werden — endlich wird sich die Jugend doch vom Herzensgrund aus besinnen, durch den Lärm der trügerischen Stimmen hindurch wird sie endlich den Ruf der wahren Stimme vernehmen und verstehen und wird ihm folgen — für die Stunde von Gibeon. Ich glaube, daß der Augenblick dieser Besinnung es ist, den wir eben durchleben.

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