Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 95 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 95 der Bühne herumtollt, aber seine Mitwirkung am Fortgang der Handlung ist ganz gering. Später mußte sich der Spaßmacher meistenteils mit einer noch geringeren Stellung bescheiden. Denn inzwischen reifte er, kam in die Fünfziger. Mit der Jugend war es aus. Er büßte seine Gelenkigkeit, seine Aktivität ein, söhnte sich für seine Person mit der Welt aus. Er wird ein gesetzter Mann. Ein Weltweiser, mit bittersüßem Humor, melancholischem Witz, von einem Hauch romantischer Sentimentalität umspielt. Seinem alten Kameraden, der Flasche, bleibt er dennoch treu. Aber inzwischen hat man ihm gute Manieren beigebracht, wie es sich für eine bürgerliche Familie schickt. Er trinkt nicht mehr mit lautem Prost (zu jüdisch: 1'chaim) dem Publikum über die Rampe zu, sondern wendet sich verschämt ab, so oft es ihn nach einem kräftigen Zug aus der Flasche gelüstet. Er genießt — ein Weltweiser — im stillen. . . Die typische, abstrakte Gestalt gewinnt an Lebenswahrheit, sie wird mit Einzelzügen ausgestattet, wird uns menschlich nähergebracht. Aber seine Abstammung von der lustigen Person der Volksposse liegt immer klar zutage, oft schon in einem Hinweis auf den Beruf des jetzt auf sein Altenteil Zurückgezogenen, der sich in seiner Jugend als Lustigmacher, Badchen oder Musikant sein unbürgerliches Brot verdiente. Mit der Einordnung in das Gesamtbild verliert der Spaßmacher seine prononcierte Stellung, aber immer ist ihm noch eine gefährliche Waffe in die Hand gegeben. Er kann durch ein Wort, eine Bewegung, eine Grimasse die ernsteste, weinerlichste Situation um ihre Wirkung bringen, die Grundstimmung eines Bildes oder eines Aktes arg gefährden. (I. Akt in „Gott, Mensch und Teufel"). Ein neues Moment der Situationskomik kommt hinzu. Die meisten Stücke spielen an der Grenze zweier Kulturen. Die Kinder sind modern, die Eltern altfränkisch. Die tieferen Unterschiede bleiben dem Theatraliker oft verhüllt. Aber die grelle Kontrastierung in der Kleidung, vor allem im Gebahren bleibt eine unerschöpfliche Quelle komischer Wirkungen. So wird an die Stelle des unbändig lustigen Clowns der wehmütig sentimentale Alte zum Träger des komischen Elements und gibt eine beim Schauspieler und Zuschauer gleich beliebte Rolle ab. Es ist überdies für den deutschen Leser interessant, daß ein Reformator des Wiener Volksstückes, Ferdinand Raimund, auch mit der Veredelung der Gestalt des Spaßmachers einsetzte. Die Hauptattraktion des alten Volkssingspiels bildete die Musik. Sie einfach wegzulassen wäre zu gefährlich gewesen. Andererseits wäre es zu gewagt, ein realistisches Stück mit Couplets zu schmücken, wie es die Schauspieler, die sich den Teufel um Stil und ähnliche Imponderabilien kümmerten, taten und wie es der Autor, dem Drängen dieser wackeren Männer nachgebend, gelegentlich tun mochte. So enthalten die Ausgaben von „Der jüdische König Lear" und „Der wilde Mensch" einige Couplets, die als Anhang dem gedruckten Text beigefügt sind mit der Bemerkung, daß sie nur an gewissen Orten gesungen werden. Szenische Bemerkungen, wie „Alexander, Simon singen ein Duett", ohne daß der Text oder ein Anhang die Worte enthalte, beweisen, daß nicht nur die Melodie, sondern auch die Gesangstexte von anderen geliefert wurden. Ein bekanntes Erzeugnis der musikalischen Literatur als wiederkehrendes Motiv (die Kreuzersonate in „Kreuzersonate"), eine melodische Untermalung oder Stützung des gesprochenen Wortes (Chopinscher Trauermarsch in „Schechite"), die Verwendung der Musik als eines Stimmung erzeugenden oder kontrastierenden Faktors (der Leierkasten, der in der „Waise" die Todesszene Asjas begleitet) —