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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
96 (sequence 9)
Language
German
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96 Michael Weichert: Jakob Gordin und das jüdische Theater war nicht immer angängig. Aber im bürgerlichen Leben der jüdischen Kleinstadt fehlt es nicht an passenden Gelegenheiten, an denen gespielt, gesungen wird* Diese Fälle herauszufinden, sie geschickt mit der Handlung zu verknüpfen, oder zumindest wahrscheinlich erscheinen zu lassen, so daß sie unbeabsichtigt anmuteten, war Sache des Autors. Religiöse und gesellige Gesänge bei kleinen Familienfestlichkeiten, intimen Zusammenkünften und Festtagsfeiern; anzügliche Lieder im angeheiterten Zustande oder bei einem Gelage; die Produktion eines durchreisenden Wanderkantors; die berufliche Betätigung eines Virtuosen auf der Bühne, die — nebenbei eine Lösung dieses schwierigen dramatischen Problems — als beglaubigender Beleg seiner Künstlerschaft gelten kann: das Prahlen der Eltern mit den Fortschritten ihrer erwachsenen Kinder im Gesangs- und Klavierunterricht; all dies bietet dem Autor einen willkommenen Anlaß, dem Zuschauer irgend eine süße, traurige oder fröhliche Melodie mit auf den Lebensweg zu geben. So zog Gordin aus, um die Bühne zu erobern. Zu klug, um nach landläufiger Dramaturgenweisheit sich von vornherein in Widerspruch zu setzen zum lebendigen Theater, knüpfte er seine Reformen in vollster Würdigung des konservativen Charakters des Theaters an die zwei stärksten Stützen des alten Volkssingspiels: den Spaßmacher und das Musikstück. Die Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Autor und Publikum waren geschaffen. Jetzt galt es, das erweckte Interesse wachzuhalten, die Empfänglichkeit des Zuschauers nicht erlahmen zu lassen. Auch hier hieß es sein Publikum auf Herz und Nieren prüfen. Der jüdische Zuschauer des ausgehenden XIX. Jahrhunderts sucht im Theater keinen Kunstgenuß, nicht Erhöhung des Lebensgefühls, nicht leidenschaftliches Miterleben eines tragisch verlaufenden Geschickes. Es würde eitel Beginnen sein, wollte man dieses Gefühl erzeugen. Was der jüdische Theaterbesucher für seine Bühnengestalten übrig hat, ist jene spezifisch jüdische Abart des allgemeinen theatralischen Mitleids, die mit dem Begriff „Rachmunes" bezeichnet wird. Über den Toren des jüdischen Theaters prangt jenes ominöse Wörtchen, dem der deutsche Sprachgeist nichts Adäquates an die Seite zu setzen vermochte: Nebbich. Der untrüglichste Weg, der ins Herz des jüdischen Zuschauers führt, ist die Träne. Sie trübt das Weltbild, verschleiert die Wirklichkeit, verfälscht die Wahrheit, aber sie bleibt das leichteste Verständigungsrnittel; sie lockt unzählige Schwestertränen hervor. Wenn etwa eine Gordinsche Bühnenanweisung lautet: „Alle weinen" (und sie lautet oft, sehr oft, so), so ist es buchstäblich zu nehmen: alle vom Souffleur bis zum letzten Zuschauer auf der Galerie.. Es ist ganz erstaunlich, was alles eine sich zur rechten Zeit einstellende Träne bewirken kann. Ihre erschreckende, fast unerschöpfliche dramatische Verwendbarkeit zeigte wieder einmal Gordin auf. Sie hat die wundertätige Macht, Probleme, Kämpfe, einzelne Akte, ja ganze Stücke zu einem versöhnlich ausklingenden Abschluß zu bringen, in einem Tränenmeer zu ertränken. Flossen reichlich Tränen, so verkroch sich der Intellekt, dieser bitterböse, scharfsinnige, spottsüchtige Feind jeder theatralischen Illusion, in den dunkelsten Winkel; ein um so gefährlicherer Feind, als er seine Waffen in generationenlanger Übung am talmudischen Pilpul geschliffen hat. Trug jeder zum allgemeinen Tränenbach sein Teil bei, so konnte er erleichtert, gehoben, geläutert von dannen ziehen. Und der alte Stagirite im Kreise der Olympier hatte ob dieser dramatischen Katharsis seine reine Freude. Berlin-Steglitz (Schluß folgt.) Michael Weichert

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