Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 93 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 93 schauer auf der Bühne wiedererkennen. Kein Mittel schien geeigneter, als der moraliche Anschauungsunterricht. An die Stelle der langweiligen Moralpauke tritt der ad oculos geführte abgehandelte „Fall", aus dem sich für jedermann mit Leichtigkeit die Lehre ergeben könne: Siehe, so geschieht es dem, der Gottes Wege wandelt, und hinwiederum so dem, der in Satans Pfade tritt. Diese Art schien einem im Alltagsleben und der (hagadischen) Literatur der Juden tief eingewurzelten Hang entgegenzukommen, eine Sentenz in die Form einer Parabel, einer Geschichte zu kleiden. Dadurch waren der Gattung enge Grenzen gezogen: das in der Gegenwart spielende bürgerliche Stück konnte auf die unmittelbarste Teilnahme rechnen. Die besondere Eignung dieser Gattung für didaktische Zwecke hat die ältere europäische Schwester der jüdischen Haskalah längst erkannt und das „bürgerliche Drama" zum Vehikel der Aufklärung gemacht. Die Wiege dieses echten Bühnenkindes stand in England. Hier hob George Lillo in seinem „George Barnwell or the Merchant of London" das bürgerliche Drama aus der Taufe. Von hier nahm es seinen Weg nach Frankreich und Deutschland und fand dort in Diderot und Mercier, hier in Lessing, F. L. Schröder, Iffland und Kotzebue und ihren unzähligen Nachahmern bis auf die modernsten Ausläufer seine eifrigsten Förderer. Immer war ihm das Bretterglück treu geblieben. Die Vorzüge des aufkommenden bürgerlichen Dramas der hohen Tragödie gegenüber kennzeichnet sehr treffend Josef von Sonnenfels in seinen „Theaterbriefen": „Aber wenn ich einen Sohn die Nachsicht seiner Mutter hintergehen sehe; wenn ich einen zärtlichen Vater bemüht sehe, seine Kinder mit Sanftmuth von ihren Verirrungen abzuziehen; wenn ich einen weisen Mann das Opfer eines Vorurtheils werden sehe; wenn die Unschuld der Raub der Verführung wird, welche mit der Tugend Mummerey spielt: wenn ich solche Begebenheiten erblicke, dann kehre ich mein Auge von der Bühne auf mich: ich habe einen Sohn, eine Tochter: sie sind eben diesen Fällen ausgesetzt — hier kann der Schrecken mich befallen, wenn ich die Meinigen dem Sturze so nahe erblicke; wenn ich eben dieselben Folgen zu befürchten habe, vielleicht ein heilsamer Schrecken, wo es noch Zeit ist zurückzubeben. In der hohen Tragödie liegt, wenn ja ein Antheil darinnen liegt, der Antheil eines Standes, der dazu nicht sehr zahlreich ist, in dem bürgerlichen Trauerspiele, wie man es zu nennen pflegt, liegt der Antheil des ganzen menschlichen Geschlechts"*). Kann etwa der Theaterzettel künden, daß ein Mann den Namen Joel Trachtenberg oder Froim Fiedler trägt und sein Sohn sich Wladimir oder Greguar nennt, so nimmt man an, daß der in dieser Namensfassung zum Ausdruck gelangende Gegensatz auf ein Stück unmittelbarer jüdischer Wirklichkeit schließen läßt und — man ist gespannt. Die Jungen und die Alten. Die Jungen in der Erwartung, daß wieder einmal im Kampf gegen die verknöcherte Tradition der »Fortschritt" zu sichtbarem Sieg geführt wird. Die Alten nähren die Hoffnung, ein ehrlicher Autor würde es verstehen, sinnfällig zu machen, daß die moderne Fassung des Namens allein noch keinerlei gute Eigenschaften dem Charakter verleihe: man kann Wladimir oder Greguar heißen und doch ein Schurke sein. Dem guten Autor ist nicht bange; er wird — Gott behüte — niemand täuschen: er wird das eine tun und das andere nicht lassen. Denn das ist ja das Geheimnis des Metiers: Spannung zu erzeugen und sein Publikum hereinzube- *) Zitiert nach Arthur Eloesser: Das bürgerliche Drama. Seine Geschichte im 18. und 19. Jahrhundert. Berlin 1898.