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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 92

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
92 (sequence 5)
Language
German
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92 Michael Weichert: ein Meister muß es handhaben, um ihm Töne zu entlocken. Gordin war nicht der erste der jüdischen Aufklärer, der sich im theatralischen Handwerk versuchte. Die anderen taten es mit stümperhafter Unkenntnis des feinen Instruments, er jedoch verfügte über eine theatralische Geschicklichkeit, die sich in späteren Werken zu einer staunenswerten handwerksmäßigen Fertigkeit steigerte. Mit einer genauen Kenntnis seines Publikums verband er eine sichere Berechnung des szenisch Wirksamen. Nichts Theatralisches war ihm fremd, kein Mittel zu schlecht, um es nach alter Jesuitenmoral seinen Zwecken dienstbar zu machen. Dieser Zweck blieb aber einzig und allein die Belehrung. „Das Theater ist eine große soziale Volksschule. Hier sollen Menschen ohne Bücher all das lernen und studieren, was sie sonst zu lernen keine Zeit und keine Möglichkeit haben. Im Theater sollen sie das Leben der Gesellschaft, der Familie, des Individuums kennen lernen, hier die Bedeutung der sozialen Erscheinungen, die Erklärung der Lebensprobleme finden. Hier soll die breite Masse ihre Gefühle erziehen, ihre Begriffe harmonisieren, ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sozialisieren" — sagt er in einem gespreizten Auf klärer jüdisch (Schriften, IV. S. 112). In den älteren Stücken ist die Tendenz meterdick aufgetragen, sie grinst aus allen Lücken der ungeschickt geführten Handlung*). Wenn er auch in den reiferen Werken eine direkte über die Rampe hingeschleuderte Anrede gelegentlich nicht verschmäht, so mußte er bald einsehen, daß dem rohen Tendenzstück eine Anziehungskraft nicht innewohnt. Der Zuschauer darf es nicht merken, daß der Autor lehrhafte Absichten hat. Am wenigsten der jüdische. Er hält sich für ebenso klug, in praktischen Angelegenheiten für ebenso erfahren, wie der ,,Herr Nachbar". Er liebt es nicht, sich belehren zu lassen. Weiß er, daß ihm dergleichen droht, so bleibt er einfach weg. Es galt also in erster Linie seine didaktische Absicht weislich zu verschleiern. Andere Kräfte des Zuschauers mußten mobil gemacht werden, sein unmittelbares, gegenständliches Interesse mußte geweckt, seinem Tun und Treiben ein Spiegel vorgehalten werden. Sein eigen Leid und Freud sollte der Zu- *) Eines das ersten Stücke, der im Jahre 1892 aufgeführte „Der jidiser kenig Lir" —, das seinen wenig geschmackvollen Titel (auf die Titelfrage komme ich noch zurück) einer entfernten motivischen Ähnlichkeit mit dem Meisterwerk Shakespeares verdankt — ist eine Verherrlichung der Haskalah. Im Gegensatz zum schlauen, heuchlerischen Misnagid Charif und dem ewig betrunkenen Chassid Mosche sind die Maskilim, der Lehrer Jafe und seine Braut Täubele, voll Edelmut und Nächstenliebe; sie bringen es dank unermüdlicher jahrelanger Arbeit und trotz gänzlicher Mittellosigkeit (der ihnen zukommende Teil am väterlichen Vermögen wird ihnen vom Misnagid vorenthalten) zu Doktortiteln. Vom ersten Augenblick ihres Auftretens führen sie die Ideale der Haskalah im Munde. Um dieser Tendenz zum Durchbruch zu verhelfen, treten einige jedes individuellen Lebens beraubte Typen auf, sagen ihr Sprüchlein her und treten ab. Um psychologische Motivierungen, um wahre Charakterzeichnung kümmert sich der Autor nicht. Die verwickelte juristische Frage der Schenkung und der Scheinveräußerung löst in der, letzten Szene ein Bote mit einem Brief des Staatsanwalts, der nebenbei der beste Freund des Maskils ist und der innerhalb weniger Minuten den Misnagid verhaftet, ihm ein vollständiges Geständnis abpreßt, ihn seiner Schuld überführt und der Einfachheit halber zugleich das Urteil auf unverzügliche Herausgabe des Eigentums und der Verwaltung an den widerrechtlich verstoßenen Vater fällt. Daß der Arzt Jafe dem erblindeten Alten, ohne ihn untersucht zu haben, mit Stolz versichern kann, daß es seiner und seiner Frau Kunst gelingen wird, durch eine kleine Operation ihm das Augenlicht wiederzugeben, und daß das edle Paar das wiedergewonnene Erbteil zur Stiftung eines Krankenhauses für Arme verwendet, erscheint dabei selbstverständlich.

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