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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
91 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 91 zu werden, das für die Betrachtung des Theaters von eminenter Wichtigkeit ist: das Lied versteht es, seine Absicht zu verhüllen und die moralisierende Tendenz in die gefälligste Form zu kleiden. Es ist ungemein bezeichnend, daß Jakob Gordin, von den Idealen der Haskalah genährt, im letzten Jahrzehnt des vorigen und dem ersten des gegenwärtigen Säkulums genau dieselben drei Wege beschritt. Zunächst entwickelt er neben der dramatischen eine außerordentlich reiche schriftstellerische Tätigkeit: Schilderungen aus dem Leben der jüdischen Immigranten und Arbeiter, Familienbilder, phantastische Geschichten mit ironischen Spitzen, allegorische Erzählungen mit versteckter oder offener Moral, sarkastische Verspottungen der allgemein menschlichen und spezifisch jüdischen Schwächen, satirische Geißelungen des Vereins- und Logenunwesens, Reiseberichte, Theaterrezensionen, kritische Aufsätze, theoretische Ausführungen über Drama und Theater, populär-wissenschaftliche Artikel, polemische Schriften geben ein Bild seiner fast erschreckenden Fruchtbarkeit. Eine bunte Fülle von Eindrücken, wie sie ihm der Tag zuträgt, ein politisches oder gesellschaftliches Ereignis, eine Zeitungsnotiz, eine Anekdote bringt, fixiert er meist in kurzer Skizze, gleichsam als unretouchierte Schnellphotographie. Die scharfe Herausarbeitung der Kontraste, vielfache Anspielungen auf die Tageskämpfe, eine besondere Vorliebe für das Zitat aus der heiligen Schrift lassen den jüdischen Kämpfer und Volkstribun erkennen. Eine vierbändige Auslese dieser in verschiedenen Zeitungen verstreuten Aufsätze, deren Bestimmung als Zeitungsfeuilletons klar zutage tritt und deren kulturgeschichtlicher Wert als Dokumente des jüdisch-amerikanischen Lebens den literarischen bei weitem übertrifft, erschien von Freundeshand besorgt im Jahre 1910 beiderHebrew Publishing Company*); eine Reihe älterer Erzählungen konnte noch der Autor, ohne sie chronologisch oder systematisch zu ordnen, i. J. 1908 in Jewalenkos Internationaler Bibliothek**) herausgeben. Mitten in politischen und literarischen Kämpfen stehend, bestieg er oft als Lektor in Arbeitervereinen, als Gründer, Vorsitzender und Leiter der „Educational Ligue" die Tribüne, um durch das lebendige Wort die aus den entlegensten Gegenden der Eastside herbeigeströmte Menge „zu lehren, zu mahnen, zu strafen, zu bessern". In dieser Eigenschaft übte er einen starken Einfluß auf die kulturelle Entwicklung der eingewanderten Massen aus und war eine der populärsten Gestalten in der amerikanischen Judenschaft. Ein Bänkelsänger, ein Badchen, war Gordin allerdings nicht. Aber das war auch nicht mehr nötig. Denn inzwischen erwuchs dem Aufklärertum ein anderer, unvergleichlich mächtigerer Faktor: das Theater. Die unermeßlichen Vorzüge der Bühne für die Aufklärungsarbeit konnten dem europäisch Gebildeten nicht entgehen. Die Bereitschaft des Theaterpublikums, seine Empfänglichkeit, seine Neugierde, Schaulust und Spannung sind durchwegs Elemente, die von vornherein die Lage des Theaterschriftstellers günstiger erscheinen lassen, als die des Volksredners oder Volkssängers.* Die Bühne bildet eine in solcher Intensität sich noch kaum darbietende Gelegenheit, allerlei Ideen, Forderungen, Wünschen — erhabenen und niedrigen, guten und schlechten — weitestes Gehör zu verschaffen. Ein weithallender Resonanzboden ist diesem Instrument eigen, aber *) Ale sriften fyn Jankew Gordin, I—IV Hebrew Publishing Company New-York 1910. ) Jankew Gordins erzehlungen, arousgegeben fyn A. M. Jewalenko New-York 1908, VAA. 272.

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