Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 90 (sequence 3)
- Language
- German
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90 Michael Weichert: lischen Sentenzen reich versetzt, die — bei einem Dick — zu unheimlichen Traktätchen und Traktaten auswachsen. Der von Zederbaum ursprünglich als Beilage zum hebräischen „Hameliz" herausgegebene jüdische „Kol Mewasser" (1862—72) eröffnete einen Reigen von Zeitschriften und periodischen Ausgaben, die neben einer reichhaltigen belletristischen Abteilung populär-wissenschaftliche, historische und biographische Aufsätze brachten. Desselben Herausgebers 1881 begründetes „Jüdisches Volksblatt" (seit 1883), Scholem Alechems „Jüdische Volksbibliothek", Spektors „Hausfreund" (1888-96), Perez' „Jüdische Bibliothek" (1890) und „Jom-Tow-Bletlech" (1894—96) folgten. Eine unmittelbarere Wirkung ließ das gesprochene Wort erhoffen. Die Laienpredigt des „Magid", der irgendeine Stelle der heiligen Schrift oder des Talmuds zum Ausgangspunkt seiner Moralpauke nahm, war im Osten in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts eine beliebte Erscheinung. Eine Fortsetzung dieser durchaus bürgerlichen, vom religiösen Nimbus umhüllten Tätigkeit bildete die unterirdische Aufklärungsarbeit der zahlreichen sozialistischen Organisationen, die gegen das Ende des Jahrhunderts mit einem dichten Netz das ganze russische Reich umspannen und die vorzugsweise politische und soziale Zwecke im Auge hatten. Diesen Geheimvereinen war es vorbehalten, die jüdische Sprache in die öffentlichen Versammlungen zu tragen und ihren Wortschatz, Begriffsgehalt und Klangwert erheblich zu bereichern. In Amerika schließlich bei günstigen Umständen und weiterem Gesichtskreis wuchs diese Institution zu ganz ungeheuren Volksbildungsvereinen heran, die den geänderten Umständen entsprechend den jüdischen Arbeitern die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst und Technik in gemeinverständlichen Vorlesungen näherbrachten. In allen Fällen führte die ursprünglich vorübergehende Übung zu stehenden Einrichtungen: zu berufsmäßig vorgebildeten Rhetoren, die gleichsam als reisende Virtuosen weiten Ruhm genossen. Einen weiteren Schritt bedeutete es, als das gesungene Wort, die tendenziöse Volkspoesie in den Dienst der Aufklärung trat. Der fahrende Bänkelsänger, „Badchen" genannt, ursprünglich als lustige Person bei festlichen Gelegenheiten und zur Erzeugung und Aufrechterhaltung einer feuchtfröhlichen Laune gern gesehen, wird in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts zum Träger der Aufklärungsideale. Die Lieder eines Welwel Sbarascher (1819—1884), eines Eljukom Zunser (geb. 1840) — um die bedeutendsten zu nennen — auf Kreuzfahrten über Rußland, Rumänien, Galizien in Gast- und Privathäusern vorgetragen, oft in fröhlicher Weinlaune aus dem Stegreif gedichtet und vertont, verfolgen bei ihrem geringen dichterischen Wert maskilische (d. h. haskalistische) Zwecke. Sie rufen auf zum Kampf für Bildung und Fortschritt gegen Unwissenheit und Aberglauben oder verspotten die Träger des Fanatismus: die Chassidim. Den „Badchonim" stand jedes jüdische Haus offen, von der ärmlichsten Hütte bis zum reichsten Patrizierheim; ihre Lieder drangen in alle Schichten des Volkes; um ihre in allen Landen populären Persönlichkeiten woben sich Legenden. Wieweit ihre Einflußsphäre reichte, erhellt aus dem Umstand, daß die russische Regierung dem Treiben eines Zunser ihre besondere liebevolle Aufmerksamkeit angedeihen ließ, was ihn veranlaßte, seinem Vaterlande schleunigst den Rücken zu kehren. Auf Flügeln des Gesanges konnte sich manch bittere Wahrheit, die sonst mit Entrüstung zurückgewiesen worden wäre, ins Ohr des gerührten Zuhörers schleichen. Schon hier verdient ein Moment hervorgehoben