Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 89 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 89 Menschenalter anschickte, die Früchte ihrer Arbeit unter Dach und Fach zu bringen, konnte sie auf recht klägliche Ergebnisse zurückblicken. In ihrer volksfremden, ja volksfeindlichen Haltung stellte sie das Ideal der europäischen Bildungsphilisterei als das erstrebenswerteste Ziel alles Irdischen hin. Sie verkannte die in der außergewöhnlichen Entwicklung wohl begründeten Besonderheiten der Ostjuden und, zu feige, um mit der Tradition zu brechen, zu schwächlich, um dem alten Stamm neue Säfte zuzuführen, schrieb sie auf ihr Banner jene berühmte und berüchtigte dualistische Devise: Sei Jude in deinem Hause und Mensch auf der Straße. Sie erwartete — ähnlich wie etwa der aufgeklärte Absolutismus der friderizianischen und josephinischen Epoche — alles Heil von einer erleuchteten Obrigkeit und glaubte es allen Ernstes durch die strikte Befolgung dieser Parole erkaufen zu können. So mußte sie notwendigerweise eine Strömung — von einer Bewegung kann man nicht gut sprechen — der gut bürgerlichen Jünglinge und Jungvermählten bleiben, solange sie am Tisch ihres Schwiegervaters lebten. Einige wenige der Jeschibah entlaufene junge Leute suchten den Weg zum ,,Licht der Bildung" und landeten nach mannigfachen Irrfahrten im Hafen einer bürgerlichen „intelligenten" Existenz. Das breite Volk — für dessen Sprache sie, wie ihre deutschen Vorbilder, Mendelssohn und Eichel, nur Haß und Verachtung übrig hatten und die sie schleunigst durch das Deutsche, dann durch das Russische ersetzt haben wollten — lohnte ihre Liebe mit Gegenliebe: der Begriff Maskil entbehrt im Volksmunde bis auf den heutigen Tag nicht eines ironischen Beigeschmacks wie etwa der deutsche Bücherwurm. Die assimilatorischen Emanzipationsideale der älteren Haskalah fanden den Weg ins Volk versperrt. Erst das jüngere Geschlecht, das um das Jahr 1860 an das Ruder kam, sah den Widersinn dieser in der Luft schwebenden Bewegung ein, der eine feste Verwurzelung im gesunden Volksboden fehlte. Ihr genügte das dürftige Ideal einer europäischen Halbbildung für die Auserwählten des Schicksals nicht mehr, sie suchte für ihre sittlichen Forderungen eine breitere Basis, ein lauteres Echo zu gewinnen. Ihr erster Schritt bestand darin, daß sie aus ihrer passiven Zurückhaltung heraustrat, aus den Höhen der vornehm aristokratischen Abgeschlossenheit in die Niederungen des Volkslebens herabstieg und sich — mit der immer wieder betonten Einschränkung: um sich verständlich zu machen — der jüdischen Sprache bediente. Wie mächtig und nachhaltig diese Tendenzen wirken mußten, geht aus dem Umstand hervor, daß eine Persönlichkeit wie J. L. Perez noch im Jahre 1890 als Geleitwort seiner „Jüdischen Bibliothek" in einem Aufsatz „Bildung" folgende Zeilen vorausschickte: „Wir wollen das Volk bilden, aus Dummen Kluge machen, aus Fanatikern Gebildete, aus Müßiggängern und Luftmenschen Arbeiter, die für sich arbeiten und der Allgemeinheit nützlich sind", und im Anschluß daran schrieb der bedeutende nationale Dichter, der sich dann so gründlich bekehren sollte: „Wir sympathisieren ganz offen mit denen, die den Jargon gegen eine lebendige Landessprache eintauschen wollen." Auf drei verschiedenen Wegen strömten hauptsächlich die fortschrittlichen Ideen der jüngeren Aufklärungsepoche in die breiten Schichten des Volkes: durch das geschriebene, gesprochene, gesungene Wort. Der Volksroman der A. M. Dick, Schaikewitsch-Schomer, J. J. Linezki, des jungen Mendele, J. Dinesohn, trägt bei ganz ungleichem künstlerischen Wert einen ausgesprochen didaktischen Charakter: schlechte und gute Unterhaltungslektüre, mit mora-