Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 87 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 87 kandidaten schleunigst aus dem Zimmer. Es gibt übrigens neben den echten auch parasitäre Schadchanim, die zwar Partien in Vorschlag bringen, aber nie eine solche zustande bringen, weil sie das nötige Vertrauen nicht besitzen. Auch sie werden höflich empfangen und mit „Porto" versehen, da ihr böser Mund gefürchtet wird; sie könnten durch Verbreitung übler Gerüchte dem „Schidduch" oft arg mitspielen. Zur Sicherheit, daß die Eltern ihrem Kinde tatsächlich eine Mitgift in der Höhe, die der Schadehen angibt, zu geben entschlossen sind, wird ihm eine sog. hebräische „Reschimah" (Aufzeichnung) in die Hand gegeben, in der der Vater eigenhändig erklärt, seinem in Frage kommenden Kinde eine Mitgift in der bestimmten Höhe mitzugeben. Kommt der Schadehen mit seinem Vorschlage, so zeigt er bald die „Reschimah" vor, die als authentische Bestätigung seiner Angaben gilt. Bei Schadchunim minderer Gattung wird mitunter die „Reschimah" gefälscht, indem der Schadehen hier eine höhere Mitgift bezeichnet, als die Familie tatsächlich zu geben entschlossen ist. Der Schadehen spekuliert darauf, daß bei der Brautschau, wenn erst alle übrigen Fragen erledigt sind, die Parteien wegen Gelddifferenzen nicht unverrichteter Dinge auseinander gehen und die Sache sich schon schlichten lassen werde, was tatsächlich in der Regel auch eintritt. Nach vielen Schreibereien, Unterhandlungen und allerhand Auskünften wird von den vielen vorgeschlagenen Partien der am meisten entsprechenden näher getreten. Mitunter aber tauchen, obzwar alles übrige nach Wunsch ist, unvorhergesehene Schwierigkeiten rein formeller Natur auf, die den Abschluß sehr erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. So gehört es z. B. zu den fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, wenn Braut und zukünftige Schwiegermutter denselben Vornamen tragen (sog. Testament des R. Jehudah hachassid). Solch ein Hindernis macht mitunter den Parteien und noch mehr dem Schadehen nicht wenig Kopfzerbrechen. Es herrscht diesbezüglich eine eigentümliche Scheu, trotzdem dieses Hindernis in der kodifizierten Tradition ganz und gar nicht begründet ist. Die meisten finden aber in solchen Fällen sehr oft Rat; bei Chassidim ist es der Zaddik, der einen Ausweg anzugeben weiß.*) In der Regel läßt sich dieses Hindernis überwinden, wenn z. B. Braut oder Schwiegermutter noch einen Vornamen haben und beide bei verschiedenen Namen gerufen werden, oder wenn auch beide einen und denselben Vornamen haben, aber eine derselben von der Umgebung mit eiinem diminutiven Kosenamen, wie z. B. Rachel-Ruchtsche, Zipporah-Zipi u. dgl. gerufen werden, wobei die Identität der Namen nicht so sehr in die Augen springt.**) *) Ein berühmter Zaddik, der sich darüber aufhielt, daß das Volk auf das sog. Testament des R. Jehudah hachassid soviel Gewicht legt, soll ironisch gesagt haben: „Stünde der Dekalog im Testament des R. Jehudah hachassid, sie hätten ihn gewiß mehr beachtet". "*) Ein sehr unangenehmer Umstand und mitunter von nicht geringen üblen Folgen ist es, wenn eine Familie das Unglück hat, einen Getauften in der Verwandtschaft zu haben, ein sog. „Psil in der Mischpuche" (= Makel in der Verwandtschaft). Dies Übel wird von der Familie bitter empfunden. Das Unglück verfolgt die ganze Verwandtschaft oft durch mehrere Generationen und macht es ihr mitunter unmöglich, Kinder standesgemäß zu verheiraten. Man sucht das Übel tunlichst zu verheimlichen und ist mitunter gezwungen, bei Verheiratung der Kinder unter den Stand herabzugehen, oder Partien aus der Ferne zu suchen, wo das Unglück nicht bekannt ist. Es heißt einem die höchste Schmach antun, wenn man inm vorwirft, er habe einen „Meschumed" (Getauften) in der Mischpuche. In manchen Kreisen wird auch den geistigen und moralischen Qualitäten der Brüder der °raut Interesse entgegengebracht, da nach talmudischem Ausspruch (Traktat Baba Batra 110.1) e meisten Söhne den Brüdern der Mutter nachgeraten.