Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 88 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Michael Weichert: Bei den Erwägungen über die vorgebrachten Partien kommt, abgesehen von den geistigen Qualitäten des Kandidaten bzw. der äußeren Gestalt der Kandidatin (worauf selbst die frömmsten Eltern sehr viel Gewicht legen), mehr als das Vermögen die Abstammung, der „Jijchus", der vorgeschlagenen Familie in Betracht Unter Jijchus" versteht man die Deszendenz von einer gelehrten Rabbinerfamilie. Es gehört zu den Schwächen reicher Familien, die auf eine stolze gelehrte Ahnenreihe nicht zurückblicken können, sog. „Aufgekimmene" (Emporkömmlinge), sich „Jijches zu kaufen", d. h. sich mit , Jijches" zu verschwägern, wobei in der Regel der ,,Jijches" mittellos ist und gar keine Mitgift seinem Kinde gibt oder der Form halber eine sehr geringe bloß verspricht, dabei aber nicht geringe Ansprüche an die andere Partei erhebt, die in ihre Familie den Adel hereinbekommen will. Hat der adelige Vater den Sohn, so wird bei ihm in erster Linie auch viel talmudisches Wissen vorausgesetzt. Ja, die talmudische Gelehrsamkeit wird in gewisser Beziehung höher als Geburtsadel gewertet, da das Wissen schon an und für sich den Menschen in die höhere Gesellschaftssphäre hinaufrückt; er wird dann, selbst wenn er nicht adeliger Abstammung ist, zum Selbstadel, „Jijchus azmo". Ebenso wie einen gelehrten talmudkundigen Schwiegersohn zu haben das Ideal der Eltern ist, wird für den Sohn die Tochter eines vornehmen gelehrten Vaters gesucht, wobei nötigenfalls selbst auf jede Mitgift verzichtet wird.*) Der gelehrte bzw. adelige Schwiegersohn oder die adelige Schwiegertochter bleiben dann nach der Hochzeit bei den Schwiegereltern „auf Kest", was auch schon vor der Verlobung vereinbart wird. Auf diese Weise kommt dann ein gewisser Ausgleich und Vermengung der reichen mit den gelehrten, aber armen Ständen zustande. Aus solchen Verbindungen gehen die vornehmen Familien hervor, die die Führerschaft in ihren Gemeinden besitzen und als tonangebend das geistige und religiös-sittliche Niveau ihrer Heimat bestimmen. Bei Familien gleichen Standes ist die Mitgift beider Parteien gleich oder die der Braut höher. Ist die Mitgift des Bräutigams höher als die der Braut, so beweist dies zumeist, daß beim Abschluß dieser Partie die Eltern der Braut unter ihren Stand gestiegen sind. Baden bei Wien Samuel Rappaport JAKOB GORDIN UND DAS JÜDISCHE THEATER (Fortsetzung) Gordin ist ein Spätling der Haskalah. Von ihrem Begründer und ersten Vorkämpfer, J. B. Lewinsohn, führen unverkennbare Linien zu Jakob Gordin. Die Bildungsideale der deutschen Aufklärung, in ihrer jüdischen Prägung durch Mendelssohn und seinen Kreis repräsentiert, nahmen über Österreich und Galizien ihren Weg nach Rußland und fanden in Lewinsohns: „Teuda b'Jisrael'4 (1828) ihre schärfste Formulierung. Als sich die erste Generation nach einem Schon der Talmud verlangt, daß man selbst unter großen Opfern sich bestrebe, die Tochter eines Gelehrten zur Frau, zu nehmen (Traktat Pesachim 49,1) bzw. daß man seine Tochter an einen gelehrten Mann zu verheiraten suche und man sich dadurch gleichsam der Herrlichkeit Gottes nähere (Traktat Ketubot 112,1).