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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
85 (sequence 7)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden «5 und Vorurteile gegen die in Vorschlag gebrachte Familie und den Kandidaten bzw. die Kandidatin überzeugend aus dem Weg zu räumen versteht Ob aber diese ostjüdischen, mit Hilfe des Schadehen zustandegekommenen Bündnisse auch glücklich sind und ob diese Ehen durch echte und reine Liebe geheiligt werden? Dafür sprechen Geschichte und Tatsachen. Der fromme jüdische Osten gibt keinen Stoff zum erotischen Roman; er kennt weder den Ehebruch noch irgendeinen ehelichen Verrat. Die alte mächtige Burg des Judentums, die Reinheit der Familie, steht hier trotz der wuchtigen Schläge der Zeit noch fest und unerschüttert da. Gewiß kennen in der Regel hier Braut und Bräutigam bei ihrer Verbindung noch nicht den Begriff, den man „Liebe" oder „individuelle Zuneigung" nennt. Die Braut liebt ihren Bräutigam, weil ihn die Eltern, die von Gott dazu die Vollmacht haben, für sie zum Lebensgefährten gewählt haben. Ebenso der Bräutigam. Beide betrachten überdies ihre Verbindung als den Ausfluß eines höheren göttlichen Willens, in dessen Ratschluß nach einer alten Tradition (Traktat Sotah 2,1) sie schon vierzig Tage vor ihrer Geburt zueinander gehört hatten. Aus diesen noch im dämmernden Unterbewußtsein ruhenden Empfindungen entwickeln sich in der Regel schon nach nicht langer Zeit Gefühle unverfälschter Liebe, Treue und Anhänglichkeit, die im Lauf der Zeit nicht nur nicht erkalten, sondern vielmehr stetig an Intensität gewinnen. Wie zwei junge Pflanzen wächst das Paar ineinander und die jugendlichen, noch unausgeprägte Individualitäten verschmelzen zu einem fast einheitlichem Wesen, um einem Ziel ihr künftiges Leben zu widmen: durch reiche Nachkommenschaft gesegnet zu werden und sie in Tugend und Gottesfurcht großzuziehen. Der fromme Ostjude kennt in seinem Leben nur eine Frau, ebenso wie die Ostjüdin nur für einen Mann lebt. Erwähnt der Ostjude seine Frau, sagt er immer: „mein Weib soll leben", und entsprechend die Frau mitunter mit der Zugabe: „er soll gesund und stark sein". Die ostjüdische Ehe ist eine ausgesprochene Vernunftehe oder, wie man zu sagen pflegt, eine Konvenienzehe. Vor ihrem Abschluß lassen sich die Parteien von keinerlei Leidenschaften hinreißen. Alles wird bis auf die Einzelheiten genau vorerwogen und vorbesprochen. Nicht geringer als die materiellen Momente werden die ethischen und geistigen berücksichtigt, ja oft werden jene diesen ganz untergeordnet. Diese konventionellen Erörterungen aber werden ausschließlich zwischen den Eltern des Brautpaares geführt. Sie sind bestrebt, soweit dies der menschlichen Voraussicht möglich ist, das künftige Zusammenleben ihrer Kinder auf einer materiell gesunden und sittlich würdigen Grundlage aufzubauen und Enttäuschungen vorzubeugen, die das Eheglück trüben könnten. Das Brautpaar hingegen steht allen diesen seiner Verbindung vorausgehenden Unterhandlungen und Auseinandersetzungen vollkommen fern; es würde sich schämen, dabei zugegen zu sein. Ein jüdischer Spruch lautet im Osten, falls man sonst jemand aus dem Zimmer haben möchte: „Geh heraus, man redt dir ein Schidduch", d. h. deine Anwesenheit ist nicht erwünscht, da wir etwas Geheimes zu besprechen haben, als Anspielung auf Braut oder Bräutigam, die beim Erscheinen des Schadehen errötend aus dem Zimmer verschwinden. Die sog. Konvenienzehe haben faktisch die Eltern des Paares geschlossen. Die ehelichen Beziehungen des Brautpaares fußen auf rein sittlich-religiöser Grundlage; sie bilden in ihren Augen ein heiliges Gebot Gottes und ihrer Eltern. Ob die im Westen mit verächtlichen Blicken betrachtete Art der Ehe- 7*

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