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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
84 (sequence 6)
Language
German
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84 Samuel Rappaport: So sehr die Schadchanim-Institution des Ostens im Westen schmunzelnd und mit einer nicht geringen Dosis geringschätzigen Lächelns betrachtet wird, die Schadchanim sogar oft — auch in der Haskalah-Literatur — als Seelenverkäufer" bezeichnet werden, so ist dies harte Urteil nichts weniger als gerechtfertigt. Die aus den inneren Bedürfnissen und Verhältnissen des Ostjudentums hervorgegangene Institution der Schadchanim hat ihre eminent sittliche und den sozial-religiösen Umständen entsprechende ethische Begründung. Wie oben dargelegt, treten im Osten die Juden schon in sehr frühem Alter und mitunter fast noch als Kinder in die Ehe. (Ob dieser Umstand, wie manche behaupten, oder vielmehr der schwere Kampf ums Dasein und die hygienisch sehr unzulänglichen Wohnverhältnisse die Rückständigkeit der körperlichen Entwicklung der Ostjuden verschuldet hat, mag dahingestellt bleiben. Eine genaue statistische Untersuchung würde sicherlich bei den frommen Ostjuden eine prozentuell höhere Langlebigkeit feststellen als bei den Modernen.) Bälle, Soireen u. dgl., wo die heiratslustigen jungen Leute beiderlei Geschlechts zusammenkommen, einander sinnlich-psychisch nähertreten und schließlich einen ewigen „Bund des Herzens" schließen, sind im frommen jüdischen Osten unbekannt, und wo bekannt, als unsittlich verpönt. Die erste fremde Frau, der hier ein jüdischer junger Mann sich vertraulich zu nähern wagt, ist: seine Ehegattin, und dies erst am Hochzeitstage nach der offiziell vollzogenen Vermählung. Früher kommt er nie in die Lage, mit einer Fremden vertraulich zu sprechen. Dasselbe gilt auch vom jüdischen Mädchen, der züchtigen „jüdischen Tochter". Zur Verlobung kommen Braut und Bräutigam noch als unschuldige Kinder, denen sehr oft die Mysterien der Liebe noch wirkliche Mysterien bilden, in die sie zumeist erst am Hochzeitstage durch die Eltern — mit dem sog. „Sod aussugen" d. i. Geheimnis verraten — verschämt eingeweiht werden. Es ist hier keine Möglichkeit gegeben, daß Knabe und Mädchen selber, ohne Zutun anderer, einander finden. Selbst dann, wenn Braut und Bräutigam nicht mehr in frühjugendlichem Alter stehen, ist ein selbständiges Bekanntwerden und persönliche Annäherung nicht angängig, da keinerlei Zusammenkommen oder geselliger Verkehr beider Geschlechter geduldet wird. Keine „züchtige jüdische Tochter*1 würde in Gesellschaft eines fremden jungen Mannes sich irgendwo zeigen, und ebensowenig würde ein frommer junger Mann sich mit einem fremden Mädchen sehen lassen. Ist die Zeit des Freiens — nach östlichen Begriffen — gekommen, dann erscheint der Schadehen. Die Eltern heiratsfähiger Kinder, die zumeist ihren Berufen und anstrengenden Geschäften leben, haben nicht die physische Möglichkeit, selber nach passenden Partien für die Kinder zu suchen oder gar Reisen zu machen, um das Richtige ausfindig zu machen. Überdies wäre es unmöglich, wenn schon das Passende gefunden wäre, jemand um den Sohn oder die Tochter für sein Kind anzugehen, ohne Gefahr zu laufen, sich eine beschämende Abweisung zu holen. Hier setzt eben die Tätigkeit das Schadehen ein. Er kennt die Häuser genau oder läßt sich von seinen mit ihm korrespondierenden Berufskollegen genau über sie unterrichten. Er weiß genau Bescheid über die Ansprüche und Qualifikationen der Parteien und ist bemüht, durch seine Vermittlung das sich Reimende näher zu bringen und zu vereinigen. Der Schadehen ist es auch, der durch seine klassisch gewordene Beredsamkeit scheinbar ganz unüberwindliche Schwierigkeiten

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