Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 82 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Samuel Rappaport: teil; in der Regel ist es aber ausschließlich der Schadehen, der die Ehen zusammenbringt. Er betreibt diesen Beruf zumeist als Hauptgewerbe. Es gibt sog. Orts- und Weltschadchanim. Der Ortsschadehen vermittelt unter Familien derselben Stadt oder der näheren Umgebung. Sein Wirkungskreis ist der kleine Mann und der einfache Mittelstand. Der Weltschadchen hingegen übt seine Tätigkeit aus in reicheren und vornehm-gelehrten Kreisen, die entsprechende eheliche Verbindungen für ihre Kinder suchen. Der Weltschadchen ist fast immer auf Reisen und hat in den meisten jüdischen Zentren des slawischen Ostens zahlreiche Verbindungen mit den anderen Weltschadchanim, die in lebhaftem Briefwechsel miteinander stehen. Die Weltschadchanim liefern sich gegenseitig das neue in Betracht kommende Material, d. h. Angaben über die heiratsfähig gewordenen Knaben und Mädchen, sowie die materiellen und moralischen Qualifikationen der Eltern und der Kinder. Die neuen Mitteilungen trägt der Schadehen in sein „Reister" (Register) ein. Die Schadchanim, von denen jeder eine Partei vertritt, beratschlagen zunächst miteinander, welche Familien zueinander passen würden, bzw. welche man gegenseitig, ohne sofort abgewiesen zu werden, in Vorschlag bringen könne. In seltenen Fällen vermittelt bloß ein einziger Schadehen, der beide Familien genau kennt; im allgemeinen sind es zwei Schadchanim, die das* Werk vollbringen, und zwar von Seiten jeder Partei ein Schadehen; manchmal hängen sich im Laufe der Verhandlungen noch andere Schadchanim an, welche die zwei Hauptschadchanim nolens volens am Vermittlungslohn partizipieren lassen, sei es weil die Parteien es wünschen, oder aus Furcht, die Eindringlinge könnten durch ungünstige Mitteilungen u. dgl. ihre Arbeit stören oder gar zunichte machen. Geographische Entfernungen oder Reichsgrenzen spielen natürlich beim Zustandekommen der Ehebündnisse keine Rolle, wenn sonst nur alle Voraussetzungen bezüglich des Vermögens, der Familie, ihrer Herkunft und Lebensführung und in allererster Linie bezüglich der Eigenschaften des „Keren" (= Substanz), worunter der in Betracht kommende Bräutigam bzw. die Braut verstanden wird, gegeben sind. Das kulturelle wie das religiöse Niveau ist hier, abgesehen von kleinen, sehr wenig in Betracht kommenden Differenzierungen, fast überall das gleiche, deswegen können geographische oder politische Entfernungen auf das Zustandekommen von Eheverbindungen nicht hindernd wirken. Der Weltschadchen nähert und verbindet die räumlich Entfernten. Auf diese Weise erklärt es sich, daß die wohlhabenden und vornehmen ostjüdischen Familien sehr oft nah und fern miteinander verschwägert sind. Fast jede angesehene jüdische Familie im weiten Rußland hat Familienbeziehungen in Polen und Galizien, und ebenso umgekehrt. Dieses Moment ist von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung für die religiös-kulturelle Nivellierung der ostjüdischen Gesellschaftsschichten und die ununterbrochene Aufrechterhaltung des inneren Zusammenhangs dieser territorial weit auseinandergesprengten Kreise. Der stete Zufluß neuer Elemente aus in der Regel vornehmen und gelehrten Kreisen aus weiter Ferne hat auch in gewisser Beziehung einen geistigen Kontakt unter den Ostjuden lebendig zu halten gestattet und Verbindung wie gegenseitige Beeinflussung ermöglicht. Das Zustandekommen stets neuer Familienbeziehungen haben die Weltschadchanim besorgt. Die Weltschadchanim verfügen über eine ungewöhnlich ausgedehnte, fast bewundernswert genaue Kenntnis der allermeisten wohlhabenden und vornehmen jüdischen Familien des Ostens, ihrer Verhältnisse, ihrer Herkunft, ihrer guten