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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
78 (sequence 11)
Language
German
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Friedrich Thieberger: Ein Wort zu den Erwägungen über Religion Gläubigen die Bürgschaft gerade für ihre Wahrheiten, gegenüber den Verkündigungen anderer Religionen, wenn nicht in der geforderten Anerkennung ihrer mittelbaren oder unmittelbaren Evidenz, die mindestens der Evidenz metaphysischer oder historischer Disziplinen gleich sein muß? Nun kann aber nicht bestritten werden, daß die kodifizierten Religionsüberlieferungen von den Ergebnissen der empirischen Gedankenarbeit des Menschen in entscheidenden Dingen abweichen. Für eine strenge Auffassung, die im Sinne der überlieferten Religion urteilt, ist es zum Beispiel nicht möglich, einem Teil der Bibel einen höhern Wahrheitsgrad zuzumessen als einem andern. So müßte eigentlich — d. h. wenn die Gefühlsfunktion ausgeschlossen würde — der ganze Bau der Religion bis zum letzten Ziegelstein behütet oder bis zum letzten Ziegelstein gesprengt werden. Aber besinnen wir uns, daß die Religionslehren als Tigcorrj (päooocpia gleichsam vulkanisch die ersehntesten Gedankenerlösungen und Ideologien emporwerfen, daß aber diese Vulkane nicht plötzlich erloschen sein können und daß aus dem wirren, buntschichtigen Material die großen Züge einer gereinigten, einheitlichen ethischmetaphysischen Weltanschauung dem sehenden Auge entgegenleuchten. Dies ist nun in der Tat der häufigste Begriffsinhalt des Wortes Religion: das philosophische System einer unsystematischen Religionslehre. GeschichtlicheM Berichte, kultische Gebote erscheinen dann nur als tendenziöse Konglomerate alter Autoren oder als symbolisches Beiwerk, wenn nicht gar Blendwerk, als das Zuckerwasser, das dem „Volk" den wahren Kern in mundgerechter Lösung einzuflößen hat. Aber wenn irgendwo, so liegt hier eine arge Gefahr verborgen: die Gefahr subjektiver Deutung. Gerade dadurch, daß uns die großen Religionen in herrlicher Systemlosigkeit überliefert sind, wird es möglich, aus diesen Welt und alles Leben durchschauenden Darstellungen willkürlich herauszulesen. Denn ob ich die jüdische Weltanschauung auf das überweltliche 53. Kapitel des Jesaja stelle oder auf die Gesetzbücher über staatliche Einrichtungen, ich erhalte jedesmal ein anderes Bild. Man nennt das Judentum die Religion des Optimismus und stellt es dem Christentum gegenüber, das etwa Schopenhauer oder Nietzsche als die „Religion gewordene Verneinung des Willens zum Leben" galt. Aber unter den jüdischen Büchern findet sich auch der Kohelet, und der offizielle Katholizismus — und wer darf ihm eine objektiv richtigere Interpretierung seiner Lehre entgegenhalten? — hat niemals die Freiheit des Willens in seiner Religion geleugnet. Die verschiedenen Richtungen des Weltbewußtseins der verschiedenen Religionen wird niemand umgehen und niemand verwischen dürfen. Aber Judentum, Christentum als Weltanschauungen sind Prozesse und keine Resultate; sie auf eine große philosophische Formel zuzuspitzen wird immer unhistorisch und eigenmächtig sein. Der äußerste und weiteste Begriffskreis endlich umspannt die Religion als den großen Mechanismus kanonisierter Glaubenssätze und kultischer Forderungen, in den wir mehr oder minder hineinerzogen werden. Von hier aus läßt sich im Erleben zu den innern Kreisen bis zum heiligen Kern des religiösen Urgefühls vordringen (wenngleich die wahre Entwicklung den entgegengesetzten Weg genommen hat). Darum die juridische Unruhe, ja nur seinen gesamten religiösen Besitz nach sichtbaren Linien aufzuteilen. Aber auch hier muß jede verzweigteste Regung in dem trüblos für wahr gehaltenen Glaubensgrund der Religion verankert liegen, so sehr man unwesentliches Zeremoniell von wesenhaften Glaubenssätzen scheiden mag. So haben schon die Vorläufer des Maimonides nach dem geringsten Maße von Glaubenssätzen gefragt, die einen Juden im reli-

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