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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
79 (sequence 12)
Language
German
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 79 giösen Sinne charakterisieren. Maimonides antwortete bekanntlich mit seinem Scheinspiel der 13 Glaubensartikel; später suchte man auch diese zu vereinfachen. Wer aber an den einen Satz glaubt, daß das Fünfbuch — so wie es auf uns gekommen ist — göttliches Wort ist, für den erübrigen sich alle anderen positiv gefaßten Annahmen, da sich für ihn eine zahllose Fülle bedingter entrollt. Ist aber einmal das religiöse Gefühl und die seelische Bewegtheit einer religiösen Weltauffassung zu gering, um selbst nach neuen Formen aus neuen Erkenntnissen heraus zu drängen, dann werden Religionsgemeinschaften nur noch durch Erstarrung erhalten werden können. Denn was der schöpferische Genius im Werdeprozeß der Religion bedeutet: das Selbstbestimmende und sichtbar Wirkende, das geht mit der großen Autorität des Unnahbaren und Unwandelbaren auf die Tradition über. Und gegen die Tradition kämen Religionsstifter im alten Sinne kaum mehr auf. Wie reich war noch die jüdische Religion an Formengebung in der talmudischen Zeit: überall herrliche Unsicherheit, Kampf und Möglichkeit! Aber die schützende Notwehr der Festlegung wird immer zum historischen Fluch. Und zum tragischen überdies. Denn sie ist notwendig. Alles Reformieren, das von dem äußeren Religionsbegriff ausgeht, um das religiöse Weltgefühl zu vertiefen, muß fehlschlagen. Denn die Form und die Formulierung setzen da$ Gefühl voraus. Der Weg der Fortentwicklung kann nur vom erschütterten religiösen Fühlen oder von der Religion als Weltauffassung ausgehen. Auf diesem Wege aber ist die Gefahr verkennender Deutung, von der ich oben sprach, trotz allem noch geringer als die Gefahr mißbräuchiger Äquivokation. Deutung bleibt schließlich immer feiertägige Selbstläuterung, aber Äquivokation wird zum Doppelgesicht politischer Hinterhältigkeit. Es ist eine Sache des Verantwortlichkeitsgefühls, daß nicht durch die Verwendung des vierspältigen Begriffes der Religion der eine Sinn mit dem andern vermengt werde. Denn es gibt keinen stärkern Wall für oder wider den Geist als das Wort. Prag. Friedrich Thieberger AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OST JUDEN III. Ehe 1. Das Freien. Im Leben des Juden soll nichts profan sein. Alle Momente und Einzelheiten des täglichen Seins, mögen sie noch so weltlichen Charakters sein, müssen unter dem Gesichtspunkte der Religion betrachtet und behandelt werden. Das Leben des ganzen Volkes, das des einzelnen Individuums für sich wie auch als Glied der Familie muß in all seinen Lagen und Phasen geheiligt und nach bestimmten, von der Tradition sanktionierten Formen geregelt sein. Zur Tradition gehören aber mitunter nicht nur die geschriebenen, für ganz Israel verbindlichen Gebote und Vorschriften, sondern oft auch die von einer größeren geschlossenen Gruppe angenommenen Sitten und Gebräuche, sog. „Minhagim". Nicht wenige allgemein anerkannte traditionelle Vorschriften verdanken ihren Ursprung den zur Sanktionierung gelangten Sitten und Gebräuchen. Der „Minhag", d. h. der Brauch, trägt nie den Charakter der erstarrten Vorschrift, der man, mitunter

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