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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 77

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
77 (sequence 10)
Language
German
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Ein Wort zu den Erwägungen über Religion 77 ganz anderen Färbung als das religiöse Gefühlserlebnis eines Alt-Griechen. Seelische und geschichtliche Überlieferungen, geographische und volksartliche Faktoren bestimmen die herrliche Mannigfaltigkeit. Um jener gefühlerweckenden Macht willen hängen so viele trotz aller verstandesmäßigen Gegnerschaft an ihrer Religion. Jeden Philosophen sollte man erst fragen, in welcher Religion er erzogen wurde, um ihn ganz zu verstehen. Ja, die Schaffung des Kultus, den z. B. Kant und Hegel so scharf von Religion geschieden wissen wollten, beruht auf dem Bedürfnis, jenes Urgefühl möglichst eindrucksvoll zu erleben. Es ist ein teilweise richtiger Gedanke, daß sogar die mechanische Ausübung eines Religionskultus allmählich zu ihrem wahren Gefühlsinhalt führe. Der Drang nach religiöser Vergesellschaftung scheint mir daher nicht aus der Religion zu folgen, sondern lediglich aus der erfahrungmäßigen Tatsache, daß des Einzelnen persönliches religiöses Urgefühl durch die mächtige Resonanz einer gleichgerichteten Gemeinschaft gesteigert wird. Gesteigertes Gefühl aber entfaltet den Menschen und wird schöpferisch. In jedem Verkünder klagt und stürmt das sozial hohe Religionsgefühl. Immer tritt er aus einer Gemeinschaft hervor, immer spricht er zu einer Gemeinschaft. Denn auch eine Gemeinde Einsamer gibt es, eine Gemeinde-im zeitlosen Geist. Und vielleicht müßte ich nur den Künstler von diesem sozialen Bedürfnis frei halten. Zwar nicht in dem Stadium, da er an Welt und Leben sich vollsaugt, sondern in dem gnadenvoll-leidvollen Zustande, da er das eigene übermächtige Gefühl in Wort, in Ton, in Stein, in Farbe zu bannen sich müht, um es immer wieder in seiner Eigenart in sich wachrufen zu dürfen. Denn diesen besondern Vorzug innerer Erhebung — gleichsam ein auf das Ich gerichtetes soziales Empfinden — genießt er vor allen andern. Ich schreite von dem Kernbegriff des religiösen Urgefühls über den Begriff des Gefühlsniederschlages nach außen fort. Da Religion aus seelischer Welterfassung entsteht, so muß der Inhalt religiöser Verkündigungen Weltdeutung sein. Jede Religion mit dem ganzen Ausbau des Zeremoniellen will Wahrheit bieten. Nicht anders Wahrheit, als diejenige, welche die wissenschaftliche Erkenntnis, d. h. die systematische Beschreibung, Ordnung und Erweiterung der Erfahrungstatsachen lehrt. Religion im Sinne von Religionslehre ist Philosophie, nur radikalste Philosophie, die aus der Unruhe der brennendsten Erlebnisse heraus geboren, die ewig-ersten, das sind die endgiltigletzten Fragen erkennen muß. Sie ist gleichsam Anfang und Ende menschlicher Betrachtung in einem, während die geruhige Forschung nur der Anfang ist. Darum fordert die Religion von ihren Bekennern Glauben d. h. Für-wahr-halten. Und es ist im Grunde ein Abfall von den Religionslehren, im besten Fall ein Rtttungsversuch, wenn man dem Glauben das Wissen in dem Sinne entgegensetzt, daß man sagt: die Religion offenbare eben ganz anders als die Wissenschaft Wahrheiten, die voraussetzungslos und blind hingenommen werden müßten. Auch für den „Gläubigen" gibt es keine doppelte Quelle der Überzeugtheit. Darum so oft seine Scheu vor der Wissenschaft, in der er das Unbeugsam - Andere, die prüfende Instanz ahnt. Die Idee des Dogmas ist eigentlich nur die ungläubige Zuflucht eines gläubigen Religionsgefühls, gleichsam eine Aufhebung des logischen Drucks, die sich ohne düstere Gemütsfunktion vollziehen läßt. Man wälzt die Verantwortung für die Evidenz von sich: damit fällt aber der Glaube an religiöse Wahrheitslehren, und man ist der sinnlose Diener von Anschauungen, die man wegen ihres religiösen Gefühlsgehaltes liebt. So will es aber im Grunde keine Religion. Denn worin läge sonst für den

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