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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
76 (sequence 9)
Language
German
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76 Friedrich Thieberger: Und wäre es auch anders möglich, als daß diesen Völkern die religiöse Betätigung reinste Befriedigung und seligste Freude gewährte? Jahrtausende hindurch kann ein Volk nicht in ewigem Schrecken leben. Furcht und gar Furcht vor den ausbrechenden Naturgewalten allein kann nicht die Voraussetzung der Religion bilden. Ist demnach Religion die erste wahrhaft kosmische Bewußtseinsverfassung, die den Menschen aus dem Chaos der Ureindrücke emporträgt, dann muß auch die Quelle der Erkenntnis mit aller Mannigfaltigkeit ihrer Ausstrahlungen in ihr beschlossen sein. So gesehen, ist Religion nicht ein geheimnisvoller restlicher Kreis innerhalb der großen, vom Wissen erforschten oder erforschbaren Seelenwelt, in den der menschliche Verstand doch einmal, wie in einen dunklen Erdteil, wird eindringen können; Religion ist aber auch nicht ein Bezirk der Seele, der in der Endlichkeit unseres Erkenntnisvermögens seine stolzunversehrbare Berechtigung neben dem scharf abgegrenzten Wissensbezirke findet. Alle Abkehr vom Mystisch-Religiösen, alle Streitigkeiten um Glauben und Wissen hatten in dieser Auffassung ihren Ursprung. Religion ist vielmehr die ausschließlich grundlegende Regung des zum intellektuellen Selbstbewußt sein erwachten Menschen. An jener Stelle des Ungeheuern, ewigen Prozesses, da die lastende Furcht von der schöpferischen Freude durchbrochen wird, damit das Individuum bestehe, da gleichsam der unirdische Funke der menschlichen Seele, von der furchtbaren Wucht der Erscheinungen erregt, als Freudegefühl zu eben diesen bedrängenden Erscheinungen der Seele hinüberspringt, um aus dieser Verschmelzung das religiöse Bewußtsein zu schaffen: an dieser Stelle muß eine Art Erkenntnis mit ursprünglichster Gewalt wie ein erster Augenaufschlag emporblitzen und damit auch das Machtgefühl eines Erkenntnisvermögens, das die Erscheinungen seelisch bewältigen kann. Jede frühere physische Entvicklung des Menschen hätte die unterste Grenze eines embryonalen menschlichen Denkens noch nicht erreicht. Sonach liegt der Ursprung des Erkenntnisdranges — objektiviert: der Wissenschaft — durchaus im Religiösen. Aber auch umgekehrt: dort, wo die Religionen den Glauben an Wahrheit fordern, wollen sie reine Erkenntnisse verkünden, die von denjenigen der Wissenschaft der Art nach nicht verschieden sind. Es gibt eben keine verschiedenen Erkenntnissorten, denn es gibt nur eine Wahrheit. Jenes religiöse Urgefühl, das allen Menschen in gleicher Weise zukommt, können wir aber — wie ich früher sagte — nicht in reiner Anschauung erfassen. Noch erfahren es heute die allermeisten durch die religiöse Betätigung, selbst wenn es eine entfernte, auf schwacher Gewohnheit aufgebaute Betätigung ist, oder die Liebe zu einer kindlichen Zeit. Aber auch aus jeder, das eigene Ich überflutenden Weltbetrachtung erhebt sich das religiöse Urgefühl in seiner besondern Form. Denn die äußeren Zeremonien mit all dem Dunstkreis süßer Erinnerungen und in weiterem Abstand auch die mit den stärksten Gefühlsakzenten verknüpften, weltdeutenden Erwägungen formen das religiöse Urgefühl je nach seiner Eigenart. Sie bilden die Umwandlung für das religiöse Fluidum, so wie eine Flüssigkeit die Gestalt eines Gefäßes annehmen muß. Hier scheiden sich darum auch die Religionsgemeinschaften der Völker — um nur von großen Konturen zu reden. Der Gefühlsniedersatz, den in einem Buddhisten die religiöse Betätigung und Weltauffassung zurückläßt (wodurch er das allgemein menschliche religiöse Urgefühl in seiner besonderen Weise erlebt), ist sicherlich von einer

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