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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
75 (sequence 8)
Language
German
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Ein Wort zu den Erwägungen über Religion 75 leibliche Ich umschließen, zu beherrschen. Aus solchen primitiven Erfahrungen ergibt sich ein furchtbarer Zusammenbruch des Menschen vor dem Dasein, furchtbar in des Wortes erster Bedeutung. Denn an dieser Stelle der Entwicklung löst sich der menschliche Intellekt vom tierischen und erwacht zum Bewußtsein einer höhern Art von Furcht, die nicht in den Reflexbewegungen des Leibes vor der züchtigenden Hand oder Knute besteht, sondern in der Erschütterung der Seele gegenüber dem Unerklärlichen der bestehenden Welt und ihren unsichtbaren Zusammenhängen. Und nun setzt das große religiöse Heilswunder ein: die Seele sammelt ihre Kräfte zu einem Gegengewicht gegen die erdrückende Gewalt der Erscheinungen, gegen die Gewalt der Furcht. Aber nicht im Sinne einer Auflehnung oder Abkehr, sondern einer Hingabe und Demut. Selbst in den Kreis der Erscheinungen einbezogen sein, sich selbst in den Schutz alles dessen stellen, mit dem alles irgendwie zusammenhängt, wendet das furchterschütterte Gefühl zur Freude. Diese reine Freude des Geborgenseins, bewußt aufgebaut auf einem Grunde^intellektueller Furcht, halte ich für den Urquell der Religion. Zu verschiedenen Zeiten tritt in uns bald die Furcht, bald die Freude in dieser heiligen Synthese stärker hervor. Es ist keine lehrhafte Aufforderung, sondern ein reines Bekenntnis, wenn es heißt: die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang, und wenn an zahllosen Stellen der Bibel immer wieder die Furcht geweckt wird, jene stille, schuldlose, keiner Strafe harrende Furcht. Aber dem gegenüber heißt es aus Anlaß der Festtage: Ihr sollt euch freuen vor dem Ewigen, euerem Gott. Denn das ist das wahre, begnadende Seelenfest, wenn das religiöse Bewußtsein von religiöser Freude überwogt. Das erste Lallen des religiösen Lebens ist Freude: schon der Zuruf Amen, Hallelujah. In dieser reinen, aus der Entdeckung des Selbst und seines Verhältnisses zur Welt entstandenen Freude, welche die hilflose Seele der Gewalt der Dinge entgegenhält, liegt auch der mächtige ethische Antrieb alles Religiösen. Die Furcht zermürbt unsern Willen, aber die Freude ist der erste Schritt zum Gutsein. Mit Überspringung dieses letzten Gedankens sagt darum Franz Werfel aus religiöser Ergriffenheit heraus, daß der Mensch, der niemals vor den Firmamenten zusammenbrach, auch niemals wahrhaft gut ist. Die Fanatiker, die ihren Leib in religiöser Bewußtheit zerpeitschen, vergehen in wonnigster Freude. Man lese die ekstatischen Konfessionen in der Sammlung Bubers, um das einzige Glück derer zu begreifen, die physisch das Opfer ihres religiösen Überwallens werden. Mit Recht betont Konstantin Österreich (in seinem Vortrag in der Kantgesellschaft „Die religiöse Erfahrung als philosophisches Problem" 1915) den hohen ethischen Wert ihres religiösen Erlebens. Zeiten religiöser Hochspannung, wie etwa die des Chassidisnius, haben gerade in der Freude die vollkommene Erfüllung ihres gotterweckenden Zieles gesehen. Aber auch die fratzenhaften Darstellungen, die soviele Völker (wie die Urmexikaner) von ihrer Gottheit machen, finden nur so ihre Erklärung: denn wie kämen Menschen dazu, gerade das Grausige und Schrecken Einflößende zu jenem übermächtigen Wesen zu verdichten, dem sie sich mit ganzer und freudiger Seele hingeben, wenn nicht das Bildwerk des Gottes den Beschauer furchtbar — wie eben die Gottheit ist — erschüttern sollte, um seine ganze und freudige Demut um so mächtiger zu erregen? Und es liegt durchaus im Sinne unserer Auffassung, daß hier, wie so oft in den Religionen, die an die Welt und die überlieferten Anschauungen assimilierten Menschen erst durch eine tierischleibliche Furcht hindurch zur menschlich-intellektuellen emporgerissen werden.

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