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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 74

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
74 (sequence 7)
Language
German
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74 Friedrich Thieberger: kann uns nur — dieses „nur" im dankbarsten Sinne — zum Bemerken gewisser religiöser Regungen hinleiten, die lediglich in unserer eigenen Seele zu entdecken sind. Wo anders könnte auch der Richtspruch gefällt werden, der die Erscheinungen ergreift, ordnet, herausfordert, anerkennt, verwirft, wenn nicht in unserer Seele? Wäre der religiöse Bezirk unserer Seele nicht ursprünglich, sondern nach später Überlegung zurechtgelegt oder von künstlicher Macht erzwungen, wie hätte sich ein so widernatürlicher Zustand Jahrtausendelang und bei allen Völkern behaupten können? Wohl hat das Gefühl des Menschen eine konservierende Gewalt, aber selbst der eingebissenste Atavismus der Geschlechter verflüchtigt sich einmal. Ganz verschieden von dieser Frage bleibt die nach dem Wahrheitsgehalt der Religionen. Auch der Fetischismus währt Jahrtausende lang und lehrt verzückte Sinnlosigkeit. Aber diese sinnlose Form setzt eben eine stetige seelische Bereitschaft seiner Anhänger voraus und auf diese allgemein menschliche Bereitschaft kommt es an. Oder sollte sich jemand dazu versteigen, die Fetischanbeter „Noch-nichtmenschliche-Wesen" zu nennen? Darum ist es nur eine Verquickung verschiedener Begriffe, die sich hinter dem Wort Religion verbergen, wenn man — wie es fast allgemein geschieht — die Religion als eine höhere Edelzucht aus Zauberei oder Mythos sich entwickeln läßt. Wenn der Mythos als phantastische Erfüllung der Welt mit übermenschlichen Kräften oder menschlich gedachten Wesen die nicht zu umgehende Vorstufe zur Religion bedeutet, als der philosophischen, vor allem ethischen Reinigung und Systemisierung des mythischen Zustandes: muß nicht die seelische Kraft, die überall zur Religion empordrängte, dieselbe Kraft gewesen sein, die den Mythos schuf? Oder anders: War es nicht der Mythos der vorreligiösen Menschen, der das nämliche seelische Bedürfnis befriedigte, wie die Religion das der spätem Menschheit? Denn welches wäre sonst die, wenn auch primitive Äußerung des religiösen Dranges der Menschen jener mythischen Epoche gewesen? Nur eine äußerliche Beschreibung der menschlichen Entwicklungsphasen konnte Mythos und Religion zeitlich abzugrenzen versuchen. Ich glaube vielmehr mit Buber, daß ,,der Mythos eine ewige Funktion der Seele" ist und nur formal von dem gemeinhin Religion Genannten abweicht. Diese Urkfaft der Seele ist der eine von den mehrfachen Begriffen, die mit dem Worte Religion gedeckt werden. Es heißt nun in aller Kürze die religiöse Urkraft beschreiben und die Frage beantworten, welche Mächte sie in den Kreis des Bewußtseins treten lassen und in welcher Form sie Erlebnis wird. Denn wir erfahren Erscheinungen und nicht Kräfte, Wirkungen und nicht Ursachen. Nur die Vehemenz der Kräfte, die Vehemenz der Ursachen können uns mit der Stärke des Erlebnisses gegeben sein. Darum ist auch die reine Anschauung der religiösen Urkraft so unendlich erschwert. Eines aber ist klar: wenn diese Urkraft notwendig allen Menschen in gleicher Weise zukommt, dann kann sie weder an religiösen Kultus noch an religiöse Dogmen gebunden sein und könnte höchstens aus dem allen religiösen Lehren und Kulten Gemeinsamen erschlossen werden. So viele Religionsformen man aber auch entdecken mag, keine fügt etwas völlig Neues zu dem, was wir nach einiger Überlegung auch aus unseren eigenen religiösen Erfahrungen schöpfen können. Immer wird die Einstellung des Menschen in .die umgebende Welt die gleiche sein: die staunende Beobachtung des Ablaufes der Erscheinungen, der Drang, hinter ihr Geheimnis zu kommen und die Ohnmacht, sie. die auch das

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