Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 73 (sequence 6)
- Language
- German
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Ein Wort zu den Erwägurgen über Religion 73 gekannten Gott rangen. Wie ungeheuer müßte auch ein Mensch sein, der in moderner Kultur aufgewachsen in völlig anderen religiösen Begriffen zu denken vermöchte, als im Geist der Bibel! Vielleicht ist aber dieser Gedanke zu dogmatisch gefaßt, und der Evolutionist dürfte umgekehrt schließen: Der Geist der Bibel, wie er sich allmählich geformt hat, ist eben der bestrickend höchste oder verderblichste religiöse Ausdruck der menschlichen Seele. So käme es im Grunde nur auf die psychologische Betrachtung an, von der aus die religiöse Frage zu erledigen wäre. Läßt sich aber das Wesen des Religiösen, das in jedem Menschen lebt, mit den gewöhnlichen Klopfwerkzeugen der Psychologie aushorchen? Ernst Troeltsch verneint es und beansprucht für das Religiöse seine eigenen Gesetze. Hermann Cohen bejaht es und läßt die Eigenart des Religiösen in die Seelengebiete seines philosophischen Systems einfließen. Unsere kurze historische Überlegung zeigt uns aber, daß der Kampf um das Wesen der Religion ein tiefpersönlicher ist, ein Kampf um den eigenen Segen, und daß es ein Leichtes wäre, Systeme gegen Systeme ausspielen zu lassen. Denn nichts ist einfacher als den Apologetikern ihrer inneren Glücksruhe mit der Überlegenheit logischer Gründe entgegenzutreten. Aber uns fehlt auch das allgemeine Maß, mit dem wir messen könnten: die Klarstellung des Begriffes der Religion. Ich stimme Max Adler vollkommen zu, der (in der Festschrift für Wilhelm Jerusalem) den kritischen Begriff der Religion im Bewußtsein der Wichtigkeit des Problems herausarbeiten will. Nur ist ihm Religion noch etwas feststehend Einheitliches, und ich meine, daß wir der vielfachen Frage nach dem Wesen der Religion die Frage nach dem Vielfachen, das mit dem Worte Religion bezeichnet wird, einmal entgegensetzen müssen. Damit sollte eine jede Erwägung über Religion beginnen. Man schützt nicht dat Gute, wenn man mit vieldeutigen Begriffen darum kämpft. Für uns Juden hat aber die Religion — das Wort in seiner ungeklärten, weiten Bedeutung genommen — noch eine ganz besondere Funktion. Denn worauf könnte sich unser historischer Stolz und unsere historische Hoffnung gründen, wenn nicht darauf, daß wir vor allen anderen Völkern das Gefäß der religiösen Offenbarung sind, wenn nicht darauf, daß die Offenbarung unseres eigenen Selbst das Gefäß der Religion ist! Wohl erzeugen solche Erwägungen nur überpersönliche Gefühlswellen, aber nur solche Gefühle sind arterhaltend als die größere Resonanz eines individuellen Lebens, als die Erhöhung, das heißt: Läuterung des einzelnen Menschentums. Nach der gegenwärtigen Phase der jüdischen Religion sind wir auch im Gegensatz zu allen anderen Völkern eine Gemeinschaft ohne Priesterkaste und doch in priesterlicher Gebundenheit. Wenn ein Nichtjude seine Religion verliert, bleibt noch die große gesellschaftliche Mittlerschaft, die ihn auf unsichtbarem Gerüste trägt; wenn ein Jude seine Religion verliert, vereinsamt er. Um der Quelle des religiösen Lebens näherzukommen, wurden verschiedene Wege eingeschlagen: der historische, der durch das Mythenland der sorgsam verglichenen Religionsbücher führt; der ethnographische^ der die primitiven Völker aufsucht, bei denen die religiösen Äußerungen noch ungetrübt wuchern dürfen; der psychopathische, der im eindringlichen, wenn auch grellen Licht der religiösen Bekenntnisse einzelner, maßlos hingerissener Seelen liegt. Allein derartige beschreibende Sammelarbeit, so bedeutsam sie für die menschliche Geschichte ist,