Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
Date
1918-01-01
Page
72 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101140-3103257--2352-3103291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

72 Friedrich Thieberger: Kants Bemühungen, die Religion als seelischen Prozeß aufzufassen, haben einer ganzen Reihe neuer Wissenschaften den Weg frei gemacht. Jetzt erst wurde es möglich, von einer Entwicklung der Religion zu sprechen, die schon Spinoza und Hume zage angedeutet hatten. Jetzt erst wurde die wahre Religionsphilosophie begründet, die den philosophischen Gehalt der Religion erweckt und nicht, wie einst die mittelalterliche, nach einem dogmatisch beengten Ausgleich mit dem herrschenden System zielt. Vor allem konnte sich jetzt die Religionsphilosophie hervorwagen, die sich um die Quellen und den Ablauf der religiösen Erfahrung müht. Und mit der Kritik des religiösen Seelenzustandes ging auch eine Kritik der religiösen Überlieferung Hand in Hand. Darum halte ich Kants Schrift für epochaler als das weitaus eindringlichere Werk Schleiermachers, der gerade in jener Lücke einsetzte, die Kant im religiösen Empfinden offen ließ. Kant übersetzte das religiöse Gefühl ins Ethische und zersetzte es, um es rein zu besitzen. Schleiermacher zerstörte die kühle Verstandesreligion Kants und bettete sie wieder in den Schoß des Gefühls. Wohl war seine Rede primitiv gewaltiger, sein Pathos werbender, sein Erfolg bewegender. Aber für die Klärung des Begriffes der Religion bedeutet er Kant gegenüber keinen Fortschritt. Für Schleiermacher ist bekanntlich das religiöse Gefühl das jedem Menschen als einem endlichen Wesen innewohnende schlechthinige Abhängigkeitsgefühl vom Unendlichen. Sowie aber Kant nur aus nüchternem Erkenntnistrieb heraus die gefühlsmäßige Seite der Religion von sich schob, um der Gefahr wehrloser „Schwärmerei" zu entgehen, so mußte wiederum Schleiermacher erkennen, daß die bloß gefühlsmäßige Stellung der Religion ihren Gehalt nicht zu erschöpfen vermag. Darum fühlte er auch die Schwäche seines Systems dort, wo er vom Wahrheitsgehalt der Religion zu sprechen hatte. Oder könnten wir eine Religion in uns tragen, von deren lügenhaftem Inhalt wir überzeugt wären? Oder soll eine dunkle religiöse Empfindung die Wahrheitsgewähr für ihren Inhalt sein? Der Begriff der Religion, einseitig aber scharf herausgearbeitet bei Kant, wird bei Schleiermacher ahnungsvoll verschwommen, biegsam — ein romantischer Lyrismus. Die religionstheoretische Arbeit des folgenden Jahrhunderts habe ich in ihren verschiedenen Richtungen oben angedeutet. Je gewaltiger die technische Maschinerie des Zeitalters in das Bewußtsein der Seelen einbrach, je kühler man die Bibel als historische Überlieferung erfaßte, je selbstgenügsamer der Durchschnitt meinte, keine Religion mehr zu haben, weil er sich an die Zeremonien seiner Väter nicht mehr hielt: desto mächtiger mußte das Problem der Religion die bis zu Ende Denkenden aufpeitschen. Auch die großen Materialisten und Monisten des Jahrhunderts, die wie Ostwald ihre besonderen Religionsübungen halten; auch die Positivisten, wie den frommen Auguste Comte, der, weil er Gott nicht kannte, die Menschheit täglich anbetete und in allen Ländern seine Religionsgemeinschaften gründete; auch die Nützlichkeitsphilosophen, wie James, dem seine Religion wahr erschien, weil sie ihn erhob; auch die Gottesflucher, wie Nietzsche, der aus religiösem Haß gegen das drückende Gefühl der menschlichen Ohnmacht den Menschen selbst zu einem Gotte emporzüchten wollte. ,,Ich liebe alle frommen Menschen", heißt es imZarathustra, und an einer andern Stelle bekennt Nietzsche: „Meine Religion, wenn ich irgend etwas so nennen darf, liegt in der Arbeit für die Erzeugung des Genius.** Denn auch ohne den Gott der Bibel kann man religiös sein, wiewohl alle diese Philosophen im geheimen doch nur mit jenem un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.