Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Wort zu den Erwägungen über Religion
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 71 (sequence 4)
- Language
- German
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Ein Wort zu den Erwägungen über Religion 7* griff es der Religion ist ein höchst persönlicher Gewissenskampf der Philosophen. Man täte Kant unrecht, wollte man schroff behaupten, er habe die Religion als kühles Denkobjekt zergliedert und nicht aus dem Gefühle religiöser Ergriffenheit ihr Geheimnis enthüllen wollen. Er selbst sagt es in den Anmerkungen zum III. Stück seiner „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" in einer geradezu auffallenden Unmittelbarkeit: „Gefühle (religiöse Gefühle) sind nicht Erkenntnisse und bezeichnen also . . ein Geheimnis (etwas Heiliges, wie es an anderer Stelle heißt). Und da das letztere auf Vernunft Beziehung hat... so wird jeder es nur in seiner eigenen Vernunft aufzusuchen haben." Dem maßlosen Denkfanatiker galt das Erkenntnisvermögen des Menschen als ein Mittel, das Chaos unserer Gefühle einmal ganz zu rationalisieren. Und so enthüllte sich ihm die Religion als eine Weise der Moral. Auch seine Postulate sind ja Dogmen, wie gewisse Postulate der Religion, und er entkleidete diese so lange ihres Charakters, bis er auf die gemeinsame Wurzel der Postulate stieß. Da ergab sich aber für ihn, daß es nur eine einzige Religion geben könne, wie es eben nur eine Moral gibt. Die verschiedenen sogenannten Religionen solle man lediglich als kultische Glaubensformen ansprechen, nur als populäre Variationen eines philosophischen, ja des einen ethischen Themas. Wiewohl also Kant vom Gefühl ausging, wurde doch sein ganzer gedanklicher Kampf um die Religion in die Strömung der reinen Ethik hingerissen, deren seelische Quelle für ihn nur im Willen lag. Darum kann sein Begriff der Religion nicht den ganzen Kreis ihrer Existenz umspannen, und es wird auch begreiflich, daß ihm z. B. der jüdische Glaube nicht hochstehend erschien. Denn hier sah er die ethischen, also wahrhaft religiösen Werte nur an sinnlos überwuchernde Vorschriften gebunden, auf deren äußere Befolgung allein es ankomme. Das Judentum sei nur ein Kultus, nur eine Verehrungsform Gottes, wie der Polytheismus, nicht aber eine Forderung moralischer Gesinnung. Bis in die Gegenwart schleppt sich dieser Kantische Gedanke fort, er führt z. B. in Euckens Schrift „Das Wesen der Religion, philosophisch betrachtet" zum Gegensatz von Gesetzesreligion und Erlösungsreligion. Kants Anschauung selbst aber dürfte auf Mendelssohn zurückgehen, dessen Scheidung von Gefühl und Wille und dessen ganze Gefühlslehre Kant beeinflußte. Mendelssohns Ängstlichkeit um das kostbare Gut seiner Religion verleitete ihn zu einem dialektischen Sprung gefährlicher Art. Ihm war die jüdische Religion in der Tat nur eine Summe einzuhaltender Vorschriften, allerdings unmittelbar göttlicher Herkunft, ohne aber ein Bekenntnis, einen Glauben an verkündete Wahrheit aufzuzwingen. So löste Mendelssohn seine Religion vom wissenschaftlichen Forschen los, aber nicht wie einst Spinoza, dessen Philosophie selbst zu einer überwältigenden Religion wurde, nicht wie die englischen Philosophen aus dem Zweifel an die Göttlichkeit der religiösen Offenbarung, sondern aus atavistischer Liebe zu der beruhigenden Macht der ReligionsÜbung. Darum spricht aus seinen Werken immer die Ruhe eines seelischen Gleichmaßes, aber nicht die Ruhe nach dem Kampfe, sondern die Ruhe, die jedem Kampf ausweicht. Mendelssohn hat nie um Gott gekämpft, wenn auch für ihn. Nur an solchen Stellen, a er von dem Antrieb der Zeremonie zur wissenschaftlichen Forschung handelt — w*e in seinem „Jerusalem" —, zittert die Unruhe über die täuschende Erledigung seines Religionsbegriffes durch. Kant übernahm Mendelssohns Auffassung von der Jüdischen Religion, entledigte sie ihrer Gefühlshüllen und dachte sie logisch durch.