Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 66 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Herman Glenn: körperten, an sich gewiß nicht gleichmäßig unanfechtbaren sozialen Weltsystem vorwerfen, ist nicht seine Methodik, der sie selbst durch ihr ganzes Wirken recht geben, nicht sein theoretischer Bau, der ihnen selbst hundertfach die Augen geöffnet hat, sondern seine Gesinnung, seine Richtung. Daß ein Mann es wagen konnte, eine Realität zu zeichnen, die das Absolutum der gewordenen Realität nicht nur horribile dictu anzweifelt, sondern es direkt verneint und durch ein entgegengesetztes Positivum annulliert: das ist die große jüdische Sünde, die die mächtige realpolitische Umwelt, die Welt des unzweifelhaften Erfolges und der Macht, dem störrischen Denker nicht verzeihen wird und nicht verzeihen kann. Sie hat richtig den schwächsten Punkt dieses Mannes, den von ihm selbst leidenschaftlich gefürchteten „Utopismus" seiner Schöpfung, entdeckt, und glaubt ihn so widerlegt — ohne zu sehen, daß dieser schwächste Punkt der wirklich treibende, beseligende, fanatisierende für die Millionen des Sozialismus geworden ist. Denn in dieser radikalen Umkehrung der verworfenen und böse gewordenen Realität, in dieser Auflehnung des ganzen Geistes und des ganzen Instinktes gegen das scheinbare Absolutum einer gewaltig siegreichen und fertigen gesellschaftlichen Weltordnung lag der inzwischen schon sichtbar emporgetriebene Keim zu einer neuen Welt, die hier nur den Methoden der alten sich noch anpassen mußte, die als Werkzeug ihres Vorschreitens den „ökonomischen Materialismus" brauchte, weil sie anders wohl nicht hätte von dem unmittelbaren Realitätssinn der Massen verstanden werden können. Neben der allein wesentlichen sozialen Seite des so entstandenen Systems ging eine taktische, politisch-revolutionäre einher: sie hatte und hat nur ganz relative Gültigkeit zu beanspruchen und ist durch die gekommene Entwicklung geistig so gut wie überholt; sie wirkte (und wirkt weiter) aufs stärkste in den Zeiten und Ländern politischer Reaktion, sie hat wesentlich den Gang der gigantischen politischen Umwälzung von 1917 in Rußland mitbestimmt — die tiefere und entscheidende Wirkung der sozialistischen Lehre hat mit diesem politischen Radikalismus im letzten Grunde überhaupt nichts zu tun. Und vielleicht liegt die geistige Zukunft des Sozialismus gerade in einem allmählichen Überwinden seiner jetzigen hochpolitischen Einstellung — in einer Abwendung von der materialistischen Doktrin, die Forderungen an die Außenwelt stellt, zu einem Evangelium der Gerechtigkeit, das mit der eigenen Einkehr der menschlichen Seelen beginnt. . . Marx selbst glaubte bedingungslos an die vollkommene Richtigkeit und wissenschaftliche Unwiderruflichkeit seines großen Gedankenbaus, an die vom tieferen Menschentum gänzlich unabhängige Eigengesetzlichkeit der wirtschaftlichen Phänomene, durch die der Gang der Geschichte und die Bildung der Ideenwelten erst erklärt werden müßten. Er glaubte ebenso unverbrüchlich an die Arbeit als die einzige Quelle der Wertschaffung überhaupt, und vor allem der Mehrwertschaffung in der kapitalistischen Produktionsordnung — und die Massen der Industriearbeiterschaft griffen mit Ungestüm die vergröberten Konsequenzen aus diesen partiellen Fundamentalwahrheiten auf, einer materialisierten Welt so mit ihren eigenen Waffen zu Leibe rückend* Hinter dem derart offenbarten, aufs äußerste getriebenen Wollen zur Realität stand aber beim Meister ein