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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Karl Marx
Date
1918-01-01
Page
65 (sequence 4)
Language
German
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Karl Marx 65 tief) und entzündete an neuer Stätte wieder das Licht, von dem er die Erlösung der Menschheit von ihren schlimmsten Leiden erhoffte. Die klugen Staatsökonomen und -historiker haben es gut, ihm hinterher Einseitigkeit und Leichtgläubigkeit vorzuhalten, da er nur Eines kannte und an dieses Eine schon für die nächste kommende Zeit glaubte. Als ob nicht jede Weltdurchdringung einer bewegenden Idee sich in gleicher Weise inaugurierte, als ob das tausendjährige Reich nicht auch in den Verkündungen anderen Hoffens und Glaubens so oft als unmittelbar bevorstehend empfunden und erwartet worden wäre. Daß dieses tausendjährige Reich hier die Gestalt einer völlig diesseitigen Lehre mit stärkster bewußter Betonung dieser Diesseitigkeit und Ablehnung aller transzendenten Gläubigkeit annahm, war in der Geschichte des menschlichen Geistes allerdings ein Novum. Die Diesseitigkeit auch der wirklichen Religionslehren ist immer eine abgeleitete, bedingt durch die Notwendigkeit, die göttliche Weltordnung auch auf Erden verwirklichen zu müssen--hier nun, im Sozialismus des XIX. Jahrhunderts, war allmählich auch der letzte Rest solcher Begründung abgewiesen. Hier stellte sich durch Marx zuletzt ein radikaler Realismus, ein gewaltiges Erreichen der Realität von ihren schroff und unerbittlich aufgedeckten breitesten Grundlagen, ein Umfassen und Aufheben des modernen Staats- und Gesellschaftslebens von seinen realsten Wurzeln her, wie sie noch nie vorher versucht worden waren und nachher nicht mehr neu vorgenommen zu werden brauchten. Die ökonomische Bedingtheit des menschlichen Lebens zum Ausgangspunkt aller soziologischen und historischen Betrachtung zu nehmen, war ein Sprung in die Realität, wie er nicht kühner und gewaltsamer gedacht werden konnte. Und dieser Sprung entsprach so sehr dem Geist der gänzlich areligiös gewordenen Zeit, dem Instinkt der durch diese Zeit notwendig ungläubig gewordenen Massen, daß er von durchschlagender Überzeugungskraft für diese Zeit und für diese Massen geworden ist. Man meine nicht, daß dies etwa bloß auf die sozialistischen Schichten des modernen Proletariats und seiner intellektuellen Führer zu beziehen wäre. Umgekehrt. Dort ist noch viel Material für eine kommende und vielleicht gar nicht so ferne geistige Umorientierung nach dem tiefer Seelischen hin, in einer jetzt noch nicht übersehbaren Form, wirklich vorhanden. Der historische Materialismus hat vielmehr allmählich in stärkstem Maße überall diejenigen Schichten überzeugt, gegen die er in der Marxschen Konzeption gerichtet gewesen war: die Schichten der Herrschenden und Regierenden, des Kapitals und des Bürgertums, des Staates und des Militärs. Diese sind es, die heute den Krieg der Nationen ausdrücklich nicht mehr als einen Kampf von Weltanschauungen ansehen wollen und ihm so die einzig mögliche Katharsis verwehren; die überzeugt von einem bloßen Kraftkampf um handelspolitische Interessen sprechen und mit dieser Parole die Völker begeistern zu können wähnen. Das beschränkte armselige Wort vom „sacro egoismo" wird hier noch weiter überboten durch dasjenige von den „heiligsten Interessen", denen daraufhin alles Heilige und Erstgeborene auch wirklich geopfert wird. Die Realität der Dinge ist diesen „Führenden" allmählich zum einzigen Gegenstand der Anbetung geworden, der diese Realität heute besonders stark vertretende Staat zum einzigen Maß der Dinge. Was sie eigentlich dem durch den Namen Marx ver-

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