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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 64

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Karl Marx
Date
1918-01-01
Page
64 (sequence 3)
Language
German
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64 Herman Glenn: einer feindlichen Welt nahezu unlösbare „Probe aufs Exempel" gemacht werden muß, hat der marxistische Sozialismus von Anfang an jene stark fanatische Massengläubigkeit erweckt, die vom religiösen Schwärmen dem Wesen nach kaum mehr getrennt werden kann: nur daß die Äußerung eine moderne, reale, revolutionäre ist. Eine völlige Klärung ist noch nirgends erfolgt, sie wird wohl erst im Verlauf einer längeren kirchenähnlichen Entwicklung, nach vielen weiteren Dogmenkämpfen, Sektenbildungen und Parteikonzilen, möglich sein — in den Hauptpunkten aber sind alle Getreuen von der gleichen Überzeugung durchdrungen. Und wie in einer seelisch gewaltigeren früheren Epoche der Umgestaltung das gewordene Christentum gegen die Weltmacht Rom zu siegen hatte und dabei, um einer neuen Bestimmung der Menschheit willen, die Früchte hoher vorangegangener Kultur vernichtete, so droht jetzt zweifellos in zugleich vergrößertem und vergröbertem Maße ein Ähnliches vom Sozialismus her für das gesamte moderne Großstaatwesen. Denn auch die lebendige Idee der Nation wird immer stärker durch rein soziale Tendenzen beeinflußt, und der jetzt ins Ungemessene gestiegene Antagonismus der Nationen, der Grundstein der heutigen Staatskunst und ihrer rücksichtslosen Härten, wird trotz raffiniertester Wirklichkeitsberechnung und -ausnutzung seitens der Regierenden auf die Dauer die kommende soziale Umschmelzung jeder der großen Nationen doch nicht verhindern können. Solcher Glaube in neuerer Zeit datiert an sich gewiß nicht erst von Marx her, und ebenso waren viele seiner grundlegenden gedanklichen Postulate nicht eigentlich „neu". Die gegnerischen Nationalökonomen — der Name ist Legion, die heutige offizielle Volkswirtschaftslehre prägt nahezu mit jedem ihrer sich derart legitimierenden gewichtigeren Adepten eine neue Widerlegung der marxistischen Lehren — haben es nicht allzu schwer, für jede der Hauptideen des Größmeisters des Sozialismus frühere Belege, auch solche aus der unmittelbaren Vergangenheit, anzuführen: er selbst hat ihnen dazu unzählige, zum Teil recht verborgene Quellen eröffnet Sogar Vorwürfe des Plagiats und der Fälschung wagten sich darauf gegen ihn — auch Zeichen der Zeit — einigemal hervor, um sogleich an der Lauterkeit des Charakters des so peripherisch Angegriffenen zu zerschellen. Neu war an Marx die zunächst nur seiner näheren Jüngerschaft klar gewordene überragende Geistigkeit, die die endgültige und erschöpfende Zusammenfassung einer großen sozialen Ideenwelt in einer der Zeit entsprechenden Gestaltung zuwegebrachte; neu in der Geschichte der sozialen Bewegungen der Neuzeit war die darauf gestützte Bewußtheit und Zielsicherheit jener Jüngerschaft, die nun, im Besitz einer endgültigen Heilslehre, an ihr Apostolat mit unerschütterlicher Glaubenskraft heranging; neu und von immenser Tragweite war endlich die Überwältigung immer größerer Scharen in seinem Namen, ob dieser auch naturgemäß völlig hinter der Sache zurückgestellt wurde, wie es der Meister selbst nie anders hätte dulden mögen. Mehr wollte Marx auch nicht. Daß er menschlich unantastbar war, und darin auch von echten Gegnern verehrt wurde, ist eine Selbstverständlichkeit. Von Exil zu Exil, von einer Ausweisung zur anderen getrieben — ein Abbild auch darin seines ihm verlorengegangenen Volkstums — nahm er die äußeren Schicksale nahezu als unwesentlich hin (nur der daraus entstehende Schaden für die Sache schmerzte

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