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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Karl Marx
Date
1918-01-01
Page
63 (sequence 2)
Language
German
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Karl Marx 63 Eine unüberbrückbare Kluft trennt die kleiner und realer gewordenen Gestalten der heutigen Geistigkeit von den Heroen von ehedem, die die Religion wirklich unaufhörlich erschufen, indem sie sie fortwährend lehrten und lebten. Aber immer noch gilt die Wahrheit, daß gelehrte und gelebte echte Religiosität stärker die Grundlagen der Menschheit ergreift und an ihnen baut, als es die ganze laute äußere Machtgeschichte vermag. Selbst wo diese Religiosität nur eine ganz abgeleitete, ganz verirdischte, ganz modernisierte ist; wo sie sich auf diese Weise erst verständlich machen, erst so die Realität der Dinge erreichen kann; wo sie sich ihres bestimmenden ursprünglichen Charakters nicht mehr bewußt ist und ihn leugnet; wo sie ausdrücklich eine rein materialistische Weltanschauung predigt und zum radikalen Bruch mit allen traditionellen seelischen Mächten auffordert. Denn dies ist der Fall von Karl Marx. Die Form seiner Lebens- und Denkäußerung ist tief von der Entwicklung seiner Zeit mitbestimmt worden, der Zeit der beginnenden großen Rationalisierung des europäischen Kulturlebens durch die allseitige Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft; er zieht nur in unerbittlicher Schöpfung die äußersten Konsequenzen, als Politiker, Revolutionär, Sozialist, Gelehrter, Führer. Aber mitten aus der zeitlichen Bedingtheit dieser Äußerungen hebt sich seine große und schlichte Gestalt als bezwingendes allgemein menschliches Phänomen, ja als prophetisches Symbol heraus. In einem zeitlich veränderten und simplifizierten, real versinnlichten Gewände tritt in dieser späten Gestalt erneut der gleiche richtende, zürnende, befehlende, rücksichtslos lineare, glühende Geist der Welt entgegen, der in früheren Epochen die göttlicheren religiösen Schöpfungen zeugte. Es ist das gleiche Ethos — der reine hohe Gerechtigkeitssinn, der übermenschliche Forderungen und Gebote aufstellt, ohne Konzessionen an die unaustilgbaren menschlichen Schwächen, ohne Kompromisse gegen die sichtbar unveränderlichen Gewaltformen der staatlichen Realität; es ist die gleiche — nur rational durch bloße Gedankenbildungen überdeckte und verschleierte — Liebe zu den Armen und Unterdrückten. Und die gleiche Umspannung der gesamten Menschheit durch ein verheißenes Ziel, durch einen unbegrenzten Pflichtenkreis zieht sich durch das Werk von Karl Marx, wie sie uns, in potenzierterem und absoluterem Maße freilich, aus den ewigen beiden Testamenten beseligend und ehrfurchtweckend entgegentritt. So hat denn auch seit nunmehr sieben Jahrzehnten seine geistige Schöpfung Kreise gezogen, wie sie in früheren Zeiten nur von religiösen Zentren hätten ausgehen können. Millionen und aber Millionen wurden allmählich ergriffen und in ihrer Richtung bestimmt: selbstverständlich ohne unmittelbare Beziehung zum Initiator selbst, dessen Werk sich in gar zu abstrakten Regionen bewegt, als daß es allzuhäufig tiefer hinunter zu den Scharen der Völker gelangen könnte. Für diese Millionen aber handelt es sich tatsächlich um eine religiöse Frage, um die Frage nach der Gerechtigkeit auf Erden, um eine große Verwirklichung: und das materialistische Gewand, in dem sie die Lehre empfangen und erleben, aus der Zeit geboren und der Zeit gemäß, ist für sie nur ein Grund mehr zum Glauben. Dieser Tatbestand ist in den westlichen Ländern durch viele Umstände stärker verdunkelt, von den Intellektuellen der Partei ganz besonders systematisch unterdrückt und ignoriert worden (selbst ethisch-ästhetische Velleitäten einiger Sektierer wurden stets als ablenkend und störend behandelt). Im naiveren Osten aber, wo jetzt zum erstenmal endlich auch die mitten in

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