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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Karl Marx
Date
1918-01-01
Page
62 (sequence 1)
Language
German
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62 Herman Glenn: KARL MARX Zu seinem hundertsten Geburtstag Nicht bloß das habsüchtige, auch das edle Judentum ist meist unfähig, die staatlichen Notwendigkeiten und Härten, den Mechanismus staatlicher Institutionen zu begreifen. Ein schlagendes Beispiel hierfür sind die sozialen Theorien von Karl Marx. Vierkandt charakterisiert die Semiten mit dem Satze, der sehr gut auf Marx paßt: ihre geistigen Schöpfungen erreichen die Realität der Dinge nicht". (Schmoller, Volkswirtschaftslehre.) Diese Sätze eines repräsentativen Gelehrten der letztverflossenen Zeit — repräsentativ vor allem durch den Geist der völligen Unterwerfung unter die grenzenlos bewunderten „rücksichtslosen Härten" des Staates, sie seien noch so durchsichtig „überrechtlich" für den Wissenden — diese Sätze sollen den edlen Juden in seiner letzten Aussichtslosigkeit enthüllen, ihm in den Regionen der Wirklichkeit eine tiefere Stufe zuweisen. Sie sagen tatsächlich eine Wahrheit aus: aber in dieser Wahrheit liegt gerade die höchste und seltenste Dignität reiner jüdischer Menschlichkeit. Wahrlich, schon die älteste geistige Schöpfung des Judentums im Pentateuch „erreicht" die Realität der Dinge nicht. Noch immer muß diese Realität ratlos vor den sozialen Höchstforderungen einer Gesetzgebung stehen, die schon vor Tausenden von Jahren kein unbeschränktes Privateigentum am Boden, keine Zinsenerhebung, keinen Wehrzwang erlaubte — um nur einiges Bezeichnende zu nennen. Sogar die Realität des eigenen Volkslebens war nicht fähig, diese Forderungen zu verwirklichen: sie setzte sich mit ihnen zumeist durch allerlei Interpretationen und Praktiken auseinander, die vom ursprünglichen Sinn der Gebote nicht viel übrig ließen — nur in seltenen Augenblicken der Geschichte zeigte es sich, daß der Geist dieser Gebote noch in den Tiefen des Volkes nicht tot war, in einzelnen Helden wieder lebendig aufleuchten konnte . . . Noch weniger hat die geistige Schöpfung der Prophetie jemals die Realität der Dinge „erreicht" — wer wird denn heute noch beispielsweise die verzückten Visionen des ewigen Friedens und einer in Gott geeinten Menschheit anders denn als reine religiöse Schwärmerei ansehen? Wer wird nicht lieber, wenn er schon trotz aller Realität an die Möglichkeit des ewigen Friedens glaubt, ihn durch die geeinte Macht vertragsgebundener Staaten und Regierungen gesichert sehen, die jedem etwaigen Friedensstörer durch die zweifelsfreie Realität der Kanonen die Lust am .Rebellieren gegen die endgültige Ordnung der Dinge schon nehmen würden?. . . Nicht anders auch die geistige Schöpfung der Evangelien; wie könnten sich diese je mit der Realität der Dinge messen, die zum Teil übrigens sogar in ihrem eigenen Namen aufgerichtet und begangen worden sind? Die große geschichtliche Wirklichkeit hat zwar einstens, mit der Annahme des Christentums durch die europäischen Völker, in einer absonderlichen Epoche der Menschheit den Versuch gemacht, die geistige Schöpfung der Evangelien wenn nicht zu erreichen, so doch wenigstens als fernes Licht, als Leitstern, auch in sozialen Dingen, anzuerkennen: aber zeigte gerade dieser Versuch nicht besonders deutlich, daß jene Schöpfungen eben doch ... die Realität der Dinge nicht erreichten? —

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