Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 60 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101140-3103255--2337-3103279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6o Amitai: eine Minorität von 48 Prozent der Bevölkerung bilden und in dem die Städte vor allem, die einzigen Stätten der Kultur, durchaus unlitauisch sind. In Polen das gleiche Bild wie all die letzten Jahre hindurch: Antisemitismus aller Parteien, Preisgabe der Juden durch die Verwaltung aus Rücksicht auf die Polen, minimale Aussicht auf Erlangung nationaler Rechte, vielmehr neu beginnender wirtschaftlicher Boykott und aggressiver Kampf. In Galizien — um es in diesem Zusammenhang zu erwähnen — ein ähnliches Bild: die Allmacht der Polen, deren Gesinnung die jüngst inszenierten regelrechten Pogrome in vielen galizischen Städten deutlich offenbart haben. In der Ukraina nach den ersten Freudentagen der Revolution mit weitgehender nationaler Autonomie für die Juden beginnender Chauvinismus, das Programm der Ukrainisierung der Verwaltung und des Handels, das heißt der Ausschaltung der Juden, offene Verfolgungspolitik gegen sie, Nichterfüllung des Autonomieversprechens und die Anschuldigung gegen sie als ossifizierende Elemente. (Man denke an die polnischen Litwaki.) In Groß-Rußland selbst Unsicherheit der Lage, Uninteressiertheit und fast feindselige Haltung der Bolschewiki zur Judenfrage, bei der allgemeinen Anarchie häufige Pogrome und völlige Ungewißheit hinsichtlich der Zukunft, Völlige Ungewißheit hinsichtlich der Zukunft; dies gilt für all die neuen Staaten. Es ist der sorgenvollste Punkt in der ostjüdischen Lage, aber auch der lichteste. Er läßt Möglichkeiten offen und zeigt, daß die gegenwärtige Situation alles andere als definitiv ist. Wird jemand, der sich noch einen Rest historischen Gefühls bewahrt hat, in der Tat glauben wollen, all das, was sich heute im Osten abspielt, in immer neuen Überraschungen, mit immer neuen Regietricks und Kulisseneffekten, sei von bleibender Wirkung? Nach wie vor ist der Osten Europas ein großes Chaos, in dem niemand klar sehen kann. Daran ändern alle Proklamationen, Deklarationen und formellen Schriftstücke nichts. Wie lange dieses Chaos währen wird, läßt sich nicht sagen; wer etwas von der massiven Größe der russischen Welt weiß, die hier in ihrer Umformung begriffen ist, wird nicht geneigt sein, zu schnell das Ende des chaotischen Umbildungsstadiums anzusetzen. Er wird sich damit begnügen, alles, was bisher dort geschehen ist und in der nächsten Zukunft sich noch vollziehen wird, als nicht definitiv, sondern als durchaus fließend und transitorisch anzusehen; er wird sich vor allem durch das Getue und Geschrei der eifrigen Mächler, die den Vordergrund des Geschehens im Osten lärmend ausfüllen, nicht beirren lassen, sondern über sie hinweg den Blick auf den Hintergrund des großen historischen Dramas richten, das sich dort abspielt, es mit ehrfürchtiger Anteilnahme verfolgend, an seinen guten Sinn glaubend, und mit dem Willen, sofern er dazu in der Lage ist, an dem sinnvollen Aufbau der sich vorbereitenden neuen Ordnung im Osten aktiv und geduldig mitzuwirken; sich hierbei nicht als willkürlicher Macher und kleiner Herrgott der Geschichte fühlend, sondern als treuer Erfüller ihres Sinnes und ehrlicher Vollstrecker ihrer Gebote. Auf dieser Grundeinstellung muß sich auch die jüdische Politik dieser Länder aufbauen. Ohne die vorschnelle Geschäftigkeit der gegenwärtigen Akteure mitzumachen, muß sie doch aktiv sein im guten Sinne des Wortes, bereit, an allen wirklich ernsthaften und sinnvollen Ereignissen den ihr gebührenden Anteil zu nehmen. Ohne das Geschehene als definitiv zu erachten, darf sie es doch nicht völlig ignorieren, wie sie es zu ihrem Schaden in Polen getan hat, weil hinter der Mache der Politiker sich doch wichtige und ernsthafte Umfor-