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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 2 · p. 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 2
Article
Chronik
Date
1918-01-01
Page
61 (sequence 7)
Language
German
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Chronik 6t mungen vollziehen, die sie erkennen und zu denen sie Stellung nehmen muß. Sich so beobachtend und aktiv, im Bewußtsein der Größe des Geschehens, in dem sie steht, zur unmittelbaren Gegenwart verhaltend, muß sie in erster Reihe diese Übergangszeit als Vorbereitung für die Zukunft nutzen, bis wieder die freie ungehinderte Auswirkung aller Kräfte und Faktoren möglich sein wird. Solche Vorbereitung tut ihr am allermeisten not Das Schlimmste und Gefährlichste an der gegenwärtigen Lage ist die innere Schwäche des Judentums dieser Gebiete. Auch nach dieser Richtung hin war die Spaltung des russischen Judentums sinnlos und schädlich, daß sie deren Kräfte unproportioniert verteilt hat.: Das gesunde, starke russische Judentum ist isoliert und von seinen peripheren Teilen getrennt, die schon vorher [innerlich schwächer waren und durch die Abwanderung mit ihrer besten Elemente nach Rußland jetzt noch schwächer sind. Die mangelnde politische Reife des litauischen und vor allem des polnischen Judentums, die Unfähigkeit zur Disziplinierung und Einheit im Auftreten bildet das traurigste Moment der Lage. Hier Änderung zu schaffen, ist die wichtigste Aufgabe der ostjüdischen Politik: die Judenheit der einzelnen Staaten innerlich zu nationalisieren und zu politisieren, und sie so zu rüsten für den bevorstehenden Kampf um ihre Rechte und Daseinsgrundlagen. Denn wie immer auch die Dinge sich entwickeln werden, die Lage wird prinzipiell schwierig und drohend bleiben, und nur bei einem starken und gefestigten Auftreten, bei einer großzügigen und energischen Politik wird die Durchsetzung der jüdischen Rechte möglich sein. Sollte die Zersplitterung definitiv bleiben, dann ist eine dauernde Schwächung des russischen Judentums und darüber hinaus für das gesamte jüdische Volk eine ungeheure Erschwerung und Verschlechterung seiner inneren Lage unver* meidlich. So unabsehbar in ihren ungünstigen Folgen wäre diese Schwächung, daß man nur mit quälender Furcht in die Zukunft sehen müßte, würde nicht zu eben derselben Zeit, da im Osten der Block des russischen Judentums zertrümmert und das jüdische Volk des stärksten Fundaments seiner gegenwärtigen Existenz beraubt wird, in der alten Heimat die Dämmerung einer neuen jüdischen Zukunft aufgehen. Jede Betrachtung der ostjüdischen Probleme führt immer wieder mit gesteigerter Intensität und verstärktem Sehnen nach Palästina zurück. Was für uns Zionsgläubige stets Wahrheit war, daß jede reale ehrliche Erfassung der jüdischen Lage im Galuth immer wieder von der Notwendigkeit Palästinas überzeugt, gilt heute ganz besonders stark. Der Krieg hat die Grundsituation unseres Volkes nicht geändert, sondern nur extremer fortgebildet; das Galuth noch galuthhafter werden lassen, dafür aber Palästina uns näher gebracht. Nie haben wir so wie in diesen Kriegsjahren am Galuth gelitten, nie so sehr für unsere Zukunft fürchten müssen, nie aber auch war uns die Verwirklichung unserer Palästinahoffnungen näher und greifbarer als jetzt. Die innere Situation des jüdischen Volkes in all den Jahrhunderten der Diaspora hat in diesen Jahren ihre stärkste Zuspitzung erhalten; sie besagt: das Galuth läßt sich ertragen, wenn man an Palästina glaubt; aber es läßt sich nur ertragen, wenn man an Palästina glaubt. Amitai

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