Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Chronik 59 Bauernrasse bewiesen ist — gegen die Juden zu schützen. Das ist nur ein Beispiel, wenn auch das krasseste. Daß die Polen nicht besser sind, ist zur Genüge bekannt, und daß die Ukrainer die gleichen Wege zu beschreiten beginnen, bezeugen die jüngsten Nachrichten, und es war von vornherein zu erwarten. Was die jüdische Lage in all diesen Staaten noch außerordentlich verschlimmert, ist außer dieser allgemeinen Vergiftung der nationalen Psyche der neuen Nationalitäten die besondere Form ihrer „Staatsgründungen". Mir erschien der Ausdruck Staatsgründung immer sinnlos; Staaten entstehen, werden, aber sie einfach zu gründen, wie man Aktiengesellschaften, G. m. b. H. und Kinematographen gründet, das erschien absurd. Die letzten Monate haben die Berechtigung des Wortes erwiesen. Was sind da nicht alles für Staaten gegründet worden: Litauen, Ukraina, Kurland, Bessarabien, Turkestan, Zentral-Sibirien, Ost-Sibirien; ,,wer zählt die Namen". Es ist vielleicht mit das Paradoxeste an der heutigen historischen Situation, daß zur selben Zeit, da das Schicksalhafte des geschichtlichen Geschehens in einer so unerhörten Gewalt uns zu Bewußtsein kommt wie nie zuvor, doch mehr Geschichte „gemacht" wird, im dümmsten, banalsten Sinne gemacht wird, als zu irgend einer anderen Epoche. Der letzte große Fall von Staatsgründungen und Geschichtsmache, der napoleonische, war wenigstens napoleonisch; genial, tollkühn, großzügig und von einem Genius getragen, den man wirklich als dämonisches Werkzeug der Geschichte, als den „Weltgeist zu Pferd" erleben konnte. Heute agieren an der Stelle dieser Urkraft kleinliche Rechner, hohlköpfige Intriganten und eitle Größenwahnsinnige; sie machen kaum noch Geschichte, sie „schieben" sie. Und würde nicht der Blick über den Horizont dieser Jahre hinaus auf den Gesamtverlauf der Historie immer wieder den ewigen sinnvollen Geist, der in ihr waltet, neu erschauen lassen, man könnte in der Tat jeden Glauben an den Sinn der Geschichte verlieren und auch in ihr als Ganzes nur eine „Schiebung" sehen, womit allerdings der Gipfel einer hochkapitalistischen „Geschichtsauffassung" erreicht wäre. Bewahrt man sich davor durch die Anschauung des historischen Gesamtprozesses, so muß man allerdings über die naive Unwissenheit der Geschichtsschieber von heute lachen, die nicht ahnen, wie sehr sie in Wahrheit die Geschobenen sind. So sehr man aber auch im großen Zusammenhange der Betrachtung von der Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit ihres geschäftigen Tuns überzeugt sein mag, die unmittelbare Wirkung ist doch unselig genug, und niemand muß das stärker spüren als die Judenheit dieser neuen Staaten. In diesem fast psychosenhaft gewordenen Gründerwahn kommt es darauf an, neue Nationalitäten zu entdecken, mit denen sich Staaten gründen lassen; und da die Juden zu ihnen nicht zählen, so geht man überall über sie hinweg. Die Kriegslage stattet nun unglücklicherweise die Gründer mit außerordentlichen und anormalen Machtvollkommenheiten aus und versetzt sie in die Lage, die natürliche Entwicklung zu hemmen und das freie Kräftespiel, in dem die Juden auf Grund ihrer Bedeutung sehr bald schon ihre Rechte gebührend wahrnehmen würden, gewaltsam zugunsten der neu entdeckten „herrschenden Nationalitäten" zu unterdrücken. So sieht die Jüdische Lage in all den neuen Staaten arg genug aus. In Litauen eine „herrschende" litauische Nationalität mit sich regendem Chauvinismus und Antisemitismus, die Gefahr einer staatlichen Monopolisierung des Handels, die die Juden ausschalten würde, die Unsicherheit, ob ihnen nationale Rechte gewährt werden, trotzdem Litauen ein reiner Nationalitätenstaat ist, in dem die Litauer selbst